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Verfolgbare Implantate: Das Klinikum Leverkusen legt vor

Leverkusen: Erhöhte Patientensicherheit : Verfolgbare Implantate: Das Klinikum legt vor

Die Klinik für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie arbeitet mit Material, das per Strichcode nachverfolgt werden kann. So sollen die Zusammengehörigkeit von Patient und medizinischem Material im Zweifelsfalle besser nachverfolgt werden können.

Die kleine Schraubenwerkstatt für unterwegs steht auf dem Tisch in Professor Leonard Bastians Büro. In Gelbgold und Metallicgrün hängen Schrauben jeder Größe auf einem  Ständer. So schön, dass jeder Hobby-Handwerker neidisch wird.

Allerdings: Es hat sich ausgehangen für die Schrauben und Schräubchen. Das Klinikum, speziell die Klinik für  Orthopädie, Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, deren Direktor Bastian ist, geht mit wenigen anderen Kliniken im Land voran. Sie setzt eine neue EU-Verordnung für Medizinprodukte seit Februar schon um – offiziell verpflichtend wird sie erst ab kommendem Jahr.

Es geht darum, Implantate verfolgbar zu machen. Bedeutet: Es soll nicht einfach Implantat X einem Patienten Y eingesetzt werden, sondern genau zugeordnet sein, welche Implantat-Chargennummer zu welchem Patienten gehört. Etwa bei später bekannt werdenden Materialmängeln lassen sich auf diese Weise die zugehörigen Patienten ausfindig machen.

„2017 hat die EU die neue Verordnung beschlossen, sie ist ab kommendem Jahr für Hüft-, Knie- und Wirbelsäulenimplantate ebenso wie für Herzschrittmacher und Brustimplantate gültig“, sagt Bastian. Letztere waren vor drei Jahren der Auslöser  für die neue Vorgabe. Es waren französische Brustimplantate aus Bausilikon aufgetaucht. Das Thema hatte medial ordentlich für Aufmerksamkeit gesorgt. Das Problem aus medizinischer Sicht: Kliniken, die solche Implantate eingesetzt hatten, konnten nicht mehr rückverfolgen, welche Patienten damit versorgt wurden und fortan mit dem ungeeigneten Bausilikon im Körper leben müssen.

Auch für Schrauben, Platten und Nägel, die nach der OP im Körper bleiben, soll eine solche Regelung verbindlich werden. Wann, das sei bisher noch offen, ergänzt der Klinikdirektor.

Auf seinem Schreibtisch liegt noch mehr. Einzelne Kartons und Kartönchen, allesamt mit Aufschriften und mit einem Strichcode versehen. Inhalt: pro Karton ein Schraube oder Platte oder anderes medizinisches Material, das im Körper  für orthopädischen Zusammenhalt sorgt. Als das Klinikum von der neuen Regelung erfuhr, hat die Klinik Nägel mit Köpfen gemacht: Das Klinikum ermöglicht seit Februar auch die Rückverfolgbarkeit von Schrauben und Co, die bei Operationen eingesetzt werden. „Deshalb kommen die Schrauben nun einzeln verpackt mit Code bei uns an.“ Über das Label könne das Implantat dem Patienten zugeordnet werden.  „Die Deutsche Gesellschaft für Sterilgutversorgung hat so etwas schon seit Jahren gefordert“, betont Leonard Bastian. Aber auch bei den Herstellern dauere die Umstellung. „Nur wenige Firmen sind derzeit in der Lage, die Einzelverpackungen zu liefern.“ In den Materialschränken seiner Klinik lagern die Einzelpakete für Schrauben, Nägel und Platten ähnlich wie im Hochregallager eines schwedischen Möbelhauses – in kleinerem Maßstab.

 Die Öko-Bilanz der sterilen Einzelverpackung ließe sich noch nicht erahnen. Sie müsse auch im Vergleich zum Einsatz der chemischen Lösungen gesehen werden, die für den Sterilisationsprozess bisher zum Einsatz kamen. Um vielleicht Verpackung einzusparen, hat Bastians Klinik eine Untersuchung angestellt: Bei 100 Handgelenks-OPs „haben wir geschaut: Was sind die gängigsten Schrauben“, erläutert der Arzt. „Vielleicht lassen die sich zusammen verpacken.“ Derzeit läuft die Auswertung, danach  sind Gespräche mit den Herstellerfirmen zur Machbarkeit an der Reihe.

Seit Februar, schätzt der Klinikdirektor, seien  mehr als 1000 Operationen mit dem nachverfolgbaren Materialien aus Titan, absolviert worden. „Eine Implantate- und Patientensicherheit auf dem höchsten erreichbaren Niveau“, merkt Leonard Bastian an.

Die hängenden Schräubchen in seinem Büro sind bald ein Vorzeigebeispiel für eine Medizingeschichtsstunde.