Leverkusen: Velcorin, der Verschwindestoff

Leverkusen : Velcorin, der Verschwindestoff

Die Sonne brennt, die Kehle ist trocken. Wie gut tut da eine leckere Apfelschorle. Ein keimfreier Genuss dank eines kleinen chemischen Zusatzes von Lanxess, der seit fünf Jahren die Abfüllanlagen der Getränkehersteller erobert.

Der farbenprächtige Eisvogel mag’s nicht nur sauber, sondern rein. Das Wasser, in das er seinen Schnabel tunkt, muss frei sein von Belastung. Während der Vogel sich auf sein Gespür verlassen muss, wo es rein ist, verlassen sich weltweit Hersteller von Erfrischungsgetränken auf ein Stabilisierungsmittel aus Leverkusen: Velcorin, der Verschwindestoff. Dessen derzeitiges Prospekt hat Hersteller Lanxess mit dem Eisvogel verziert. Klare Aussage.

Und ebenso klar, fast langweilig, sieht sie aus, die Leverkusener Geheimwaffe gegen Keime in Softdrinks und Wein. Jedenfalls bevor sie sich in einer Falsche aromatisierten Wassers, einer Flasche Apfelsaftschorle oder einer Dose Sportgetränk mit ihrer Hassliebe, dem Mikroorganismus, verbindet und auflöst. Noch bevor der Verbraucher die Lippen mit der Erfrischung benetzt hat, sind Velcorin und Keime bereits zerfallen.

Romeo und Julia in der Flasche

„Das erinnert doch irgendwie an Romeo und Julia“, romantisiert Ingo Broda die chemische Reaktion. Broda ist Leiter der Sparte Getränketechnologie in der Geschäftseinheit Material Protection Products. Er hat sich in den vergangenen vier Jahren damit beschäftigt, aus einem deutschen ein globales Produkt zu machen. Dass das geglückt ist, zeigt sein Kollege Erasmus Vogl, der technische Chef der Getränketechnologie, ganz praktisch. Er öffnet eines der Heiligtümer in der Velcorin-Forschungsabteilung – einen Kühlschrank. Inhalt: eine Sammlung von 500 verschiedenen Bakterien-, Pilz- und Hefestämmen. Alle gefunden in den Getränken, die Hersteller aus aller Welt ins Lanxess-Labor schicken mit der Bitte um Hilfe. „Wir bekommen rund 5000 Proben pro Jahr“, sagt Vogl.

Die mögliche Geschäftsanbahnung dauert dann bis zu sechs Monaten. „Velcorin ist nur das Vehikel, drumherum bieten wir die komplette Dienstleistung an“, erläutert Broda. Heißt: Vier bis zwölf Wochen lang wird die Probe untersucht und getestet, ob Velcorin die Verbindung mit dem Keim eingeht. Beim Hersteller wird dann mit einer größeren Menge noch einmal getestet, das Ganze überprüft, die Anlagen des Herstellers kontrolliert, die Mitarbeiter trainiert, die kaufmännischen Details geregelt. Eventuell müssen auch behördliche Genehmigungen bedacht werden. Die Besuche, Expertentipps und Schulungen beim Hersteller sind wichtig. Vor allem weil man das Stabilisierungsmittel nicht einfach druntermischen kann. Die 25 Kilo Velcorin pro 100 000 Liter Getränk müssen per spezieller Dosierpumpe eingegeben werden. Sonst ist die Wirkung nicht gegeben. Die Pumpe liefert Lanxess den Kunden mit.

Wetterabhängiges Geschäft

Wer zu den Kunden gehört, darüber schweigen sich Vogl und Broda aus, Geschäftsgeheimnis. „Es kann gut sein, dass jeder, der im Sommer mal eine Schorle trinkt oder einen Eistee, indirekt mit Velcorin zu tun hat“, sagt Broda und guckt aus dem Fenster.

„Das Geschäft ist abhängig vom Wetter“, sagt er. „Ein schlechter Sommer bedeutet immer Geschäftseinbrüche. Erst merkt es der Kunde, der weniger Getränke absetzen kann, vier Wochen später merken wir es an seiner Bestellung.“ Probleme, mit denen der Eisvogel nichts am Schnabel hat.

(RP)