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Leverkusen: Ungewohnte Frische aus Trondheim

Leverkusen : Ungewohnte Frische aus Trondheim

"Überraschende Klänge" versprach Labelchef Siggi Loch für die "ACT Night" der Leverkusener Jazztage, dem einzig wirklich jazzigen Abend während der Festwoche. Dafür - ein Lob an die Jazzgemeinde der Region - war der Abend sehr gut besucht - fast alle Stühle besetzt, jeder konnte sehen, gemütlich war's.

Und ungewöhnliche Power, Frische, Originalität und handwerkliches Können versprühte der Auftritt des Trondheim Jazz Orchestra, die wie ein scharfer Nordwind die ganze trostlose Verlorenheit und die suchenden Fjordklänge der norwegischen Jazzlegenden wegblies: kein säuselndes Sopransax, kein Cry von der verhallten E-Gitarre, kein gestrichener Kontrabass. Dafür fette Bläsersätze, die in sich nochmals verschoben rhythmisch zuckten, fletschende Bass-Saiten in einem energetischen, kaum enden wollenden Solo, durchkomponierte komplexe Orchesterpassagen, wechselnde Tempi, lauerndes Piano, Aus- und Aufbrüche, es pulsierte machtvoll.

Geschrieben hat diese abenteuerlichen Big Band-Kompositionen der norwegische Saxofonist Marius Neset, ein junger Mann um die 30, der das gesamte Repertoire der jüngeren Jazzvergangenheit beherrscht und sinnvoll anwendet. Hier gibt es keine Grenzen in der Behandlung der Instrumente, sie werden mit Schlägen gefoltert, überblasen und zum Quieken, Krähen oder Flattern gebracht, alles in eine feste Form gegossen; aber auch die wirkt nie sicher. Ins Sax-Solo mischt sich ein weiterer Musiker, es beginnt ein Duett, eine Trompete übernimmt, der gesamte Bandsound verwandelt sich: Alles scheint möglich, und Neset hat es so geplant. Diese Band bot vollendet spannenden zeitgenössischen Jazz im orchestralen Sound.

Dass dies auch ganz klein geht, bewies der Franzose Vincent Peirani am Akkordeon. Er schleicht auf nackten Sohlen auf die Bühne, und er nimmt sich Zeit wie einst Dino Saluzzi. Mit trivialen Vorhalten gewöhnt er die Gemeinde an seinen Akustik-Sound, das ist mutig und wirkungsvoll. Auch sein virtuoser Klavierpartner Benjamin Moussay lässt immer Luft für die Kollegen, auch für Bassist Michel Benita. Die Drei reizen das Vokabular bis in ganz freie Gefilde aus, offene Passagen reihen sich an kunstvolle Musette-Folklore. Ganz besonders kokett gelingt ein Stück mit sehr vielen langen, aber lustigen Pausen. Da stieren die drei Musikanten ganz schön blöd ins Publikum.

Piano-Star des Labels ist Michael Wollny, der als kulturelles Sahnehäubchen in seinem aktuellen Programm auf Werke der Neuen Wiener Klassik und sogar des Bürgerschrecks Paul Hindemith zurückgreift. Aber nach Überführung in das Metier eines traditionellen Jazztrios mit zeitgenössischen Klangfarben und Freiheiten wurde eines klar an diesem Abend: Das Label vertritt Künstler, die Qualität garantieren, ohne in akademischer Arbeit zu vertrocknen. Musikalischer Unterhaltungswert wird großgeschrieben - das ist wichtig.

(RP)