Tanztheater zeigt #JeSuis im Forum Leverkusen

Tanztheater zeigt #JeSuis : Choreografie, die sich ins Gedächtnis einbrennt

Mit erfindungsreichem Tanztheater erzählt die Choreografie #JeSuis Geschichten von Verfolgten und Unterdrückten

Mit drastischen Maßnahmen werden die aufbegehrenden Stimmen mundtot gemacht. Ein Scherge in Uniformmantel umwickelt zuerst den Kopf so lange mit Klarsichtfolie, dass die Festgenommene zu ersticken scheint. Und schließlich wird der ganze sich windende und zappelnde Körper auf diese Weise gebändigt. Ausgeführt mit großen und kantigen Bewegungen, die Übermacht einer Staatsraison vermitteln.

Das ist kein ästhetisch-anmutiges Ballett, #JeSuis ist ergreifendes Tanztheater, das mit einem klaren gesellschaftspolitischen Auftrag zum Thema Menschenrechte und Meinungsfreiheit angetreten ist und keinen der Zuschauer im Forum-Saal kalt lässt. Der war an diesem Abend leider nur etwa zur Hälfte gefüllt, obwohl das Tanzpublikum die treueste Besucherklientel von KulturStadtLev ist und zum Teil eine längere Anreise in Kauf nimmt. Doch die musste sich am Mittwoch teilen zwischen diesem und dem wenige hundert Meter weiter stattfindenden Gastspiel der niederländischen Nanine Linning Dance Company, die bei ihrem ersten Besuch im Erholungshaus bei Bayer Kultur choreografisch die Tiefen sozialer Beziehungen auslotete. Die Doppelung ließ sich leider nicht vermeiden, bedauerte Forum-Dramaturgin Claudia Scherb, die ihrem Publikum auf keinen Fall die britische Aakash Odedra Company mit ihrem aktuellen Stück zu einem immerwährenden Thema #JeSuis vorenthalten wollte. Und die konnte nur an diesem Abend.

Beim Titel denkt jeder an die Welle der Solidarität, die sich nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in 2014 durch Europa zog. Zu dieser Zeit arbeitete der britische Tänzer Aakash Odedra, der im gleichen Jahr im Rahmen der Internationalen Tanzmesse auch im Forum zu erleben war, mit einer Gruppe von jungen türkischen Tänzern in Istanbul. Deren Reaktion: Wenn in Brüssel oder Paris eine Bombe gezündet wird, dann schaut ganz Europa hin, während die ebenso entsetzlichen Angriffe und Kabul und Istanbul das Interesse der Medien nicht in gleichem Maße weckten.

Damit war die Idee zu einer gemeinsamen Produktion geboren, die Aakash Odedra im Folgenden mit sieben Tänzern entwickelte, von denen fünf noch beim Leverkusener Gastspiel dabei waren. Sie erzählen darin die Geschichten derer, die in den Nachrichten zu kurz kommen. Von Heimatlosen im eigenen Land, die sich nicht frei äußern oder entfalten dürfen, genauso wie jenen Geflüchteten, die erschöpft an Stränden landen und auf Hilfe angewiesen sind.

Das Besondere an dieser #JeSuis-Choreografie ist, dass die Erzählung im Vordergrund zu stehen scheint, es wird tatsächlich Theater gespielt mit Bewegungs-Elementen des modernen Ausdruckstanzes, in großer Variationsbreite. Gespielt wird  mit wenigen Requisiten und einer ausgefeilten Lichttechnik, die etwa klar gezeichnete quadratische Räume schafft oder eine Hängelampe im dunklen Schirm zwischen den Protagonisten tanzen lässt oder wie zum Verhör auf das Publikum gerichtet wird. Bilder, die sich ins Gedächtnis der Zuschauer brannten.