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TSV Bayer 04 Leverkusen: Athleten sind zum Umdenken gezwungen

Verlegung von Olympia und Paralymics : TSV-Athleten sind zum Umdenken gezwungen

Die Verlegung der Olympischen Spiele in Tokio auf 2021 stellt die Planung vieler Bayer-Sportler auf den Kopf – auch im Para-Sport.

Seit Dienstag ist klar: Die Olympischen Spielen in Tokio werden nicht 2020, sondern erst 2021 ausgetragen. Das gilt auch für die Paralympics. Eine Verlegung war aufgrund der weltweiten Corona-Krise alternativlos. Wann genau die Wettkämpfe in Japan nachgeholt werden, wird derzeit durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) und dem Pendant für die Behindertensportler (IPC) geprüft. Die Entscheidung der Funktionäre betrifft auch viele Athleten und Para-Sportler des TSV Bayer 04. Durch die aktuelle Sperrung der Anlagen sind die Leverkusener zudem gefordert, kreative Trainingsmethoden zu entwickeln.

Hans-Jörg Thomaskamp, sportlicher Leiter der TSV-Leichtathletikabteilung, läuft derzeit durch leere Gänge und Hallen auf der Fritz-Jacobi-Anlage. „Unter Einhaltung der Kontaktsperreregel arbeiten wir aktuell außerhalb des Vereinsgeländes mit unseren Athleten in der Natur, um die konditionellen Grundlagen zu erhalten“, sagt der gebürtige Dinslakener. Die Athleten hätten überdies Trainingspläne per E-Mail übermittelt bekommen und dokumentieren das Training außerhalb der gewohnten Umgebung unter anderem durch Videos. Aber: „Nur mit Liegestützen allein lassen sich weder die Moral noch die spezifische Leistungsfähigkeit auf Sicht aufrechterhalten.“ Das derzeit ausfallende Techniktraining treffe vor allem die Stabhochspringer und Mehrkämpfer, die auf die Nutzung der vereinseigenen Anlagen angewiesen sind. Thomaskamp stellt daher fest: „Auf Dauer können wir so nicht arbeiten.“

Für den TSV starten derzeit rund eine Handvoll Athleten, die sich große Hoffnung auf eine Teilnahme an den Spielen in Tokio in diesem Sommer machen durften, darunter Mittelstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen, Hochspringer Mateusz Przybylko sowie die Stabhochspringer Torben Blech und Bo Kanda Lita Baehre. „Der Sport ist in einer solchen Ausnahmesituation nicht das Primäre. Wir versuchen jetzt, das Beste aus der Situation zu machen“, sagt Thomaskamp.

Das gilt auch für die Para-Sportler aus Leverkusen. Johannes Floors läuft an der Dhünn, Felix Streng macht an der Jahnwiese in Köln Treppensprünge, Nele Moos hält sich in Duisburg und Léon Schäfer in Bremen fit. Zudem hat der Verein Medizinbälle und andere Materialien für die Athleten gekauft, mit denen die Sportler daheim Übungen absolvieren können. Vor allem für die Para-Athleten stellt das Training auf ungewohntem Terrain eine besondere Herausforderung da – schließlich kann das Laufen auf nicht ebenen Flächen zu Stumpfentzündungen führen. Zudem ist es für sie nicht einfach möglich, alle Materialien, die ihnen auf der Sportanlage zur Verfügung stehen, in den Wald mitzunehmen.

Dass die Paralympics auf 2021 verschoben wurden, ist in den Augen der Leverkusener die einzig richtige Entscheidung. Irmgard Bensusan, die erst am Donnerstag mit dem letzten Flugzeug von Südafrika nach Deutschland zurückgekehrt ist und jetzt wieder in Leverkusen trainiert, betont: „Keine Goldmedaille ist wichtiger als ein Menschenleben.“ Für Markus Rehm ist die Entscheidung des IPC „irgendwie auch heftig und surreal.“ Staffel-Weltmeister Schäfer gibt zu Bedenken, dass eine richtige Vorbereitung unter den aktuellen Umständen ohnehin „definitiv nicht möglich“ gewesen sei.

Zweifelsfrei ist die Lebensplanung vieler Para-Sportler durcheinander gewirbelt worden. Beispielsweise haben die Studenten unter den Athleten zwei Freisemester eingeplant und sind nicht für das Sommersemester eingeschrieben. Andere wiederum müssen Operationen, die sie auf die Zeit nach dem ursprünglichen Termin für die Paralympics gelegt hatten, erneut verschieben. Darüber hinaus müssen Gespräche mit Arbeitgebern geführt und Praktika verlegt werden. Kurzum: Die Planung beginnt für alle von vorne.

„Wir hoffen, dass unsere Sportler vielleicht schon Ende August oder im September wieder erste Wettkämpfe bestreiten können. Aber natürlich nur, wenn die gesundheitlichen Rahmenbedingungen es zulassen“, sagt Jörg Frischmann. Aus Sicht des Geschäftsführers der TSV-Para-Sportler gibt es nur zwei mögliche Termine für eine Austragung der Paralympics 2021: im Frühjahr vor Olympia oder im Spätsommer nach Olympia. Aus logistischer und organisatorischer Sicht spreche viel für eine Austragung im Frühjahr. „Ich würde allerdings klar den Spätsommer 2021 bevorzugen“, sagt Frischmann.

In den USA würden zum Beispiel gerade Leichenzelte auf den Straßen aufgebaut. „Ich befürchte, dass das Coronavirus dort zehntausende Opfer fordern wird.“ Auf anderen Kontinenten sei das Virus noch im Anfangsstadium. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es bis zum Sommer weltweit so weit zurückgedrängt sein wird, und sowohl Olympia als auch die Paralympics dann stattfinden könnten, ist meiner Ansicht nach größer.“ Zudem müsse das IPC für die 23 Sportarten individuelle Lösungen bezüglich der Qualifikationskriterien, -Zeiträume und -Turniere neu erarbeiten. Gleiches gelte für Klassifizierungsmöglichkeiten.

Mit dabei wären in diesem Sommer wohl sicher die Leverkusener Para-Athleten Rehm, Floors, Streng, Bensusan und Schäfer gewesen. „Um unsere fünf Top-Leichtathleten und Taliso Engel im Schwimmen brauchen wir uns keine Sorgen machen. Sie sind vorqualifiziert“, sagt Frischmann. „Aber alle anderen müssen um die Plätze kämpfen. Wir haben noch sechs weitere Leichtathleten im Verein, die eine Chance haben.“

Auch die Sitzvolleyballmannschaft des TSV gilt als Kandidat für die Teilnahme an den Paralympics. Bei ihnen muss das Qualifikationsturnier allerdings neu ausgeschrieben werden.