RP-Mitarbeiter Markus Neukirch über seine Erlebnisse im Amateurfußball

Serie Zwei Jahrzehnte im Lokalsport (Teil 3) : Unsere Fußball-Amateure sind echte Profis

Im letzten Teil der Serie berichtet Markus Neukirch über sei­ne Er­leb­nis­se im Amateurfußball – auf und abseits des Sportplatzes.

18 Saisons je 26 bis 38 Spieltage, manchmal drei, manchmal zehn Spiele pro Wochenende – ich habe über sehr viele Fußballspiele berichtet. Von der Kreisliga C bis zur Regionalliga, Kreis-, Verbands- und DFB-Pokalpartien und auch vom Abschiedsspiel von Bernd Schneider. Letzteres ist mir, was Zitate angeht, ebenfalls in Erinnerung geblieben. Pierre-Michel Lasogga durfte als A-Jugendlicher mitspielen und trug die Rückennummer 54. Natürlich habe ich die in der Mixed-Zone hinterfragt und die trockene Antwort des Stürmers war: „Fünf und vier sind ja auch neun“. Nicht nur ich musste lachen.

Das Zitieren von Spielern und Trainern ist so eine Sache. Der Reporter kann und darf nicht alles wiedergeben, was am Telefon oder direkt von sich gegeben wird. „Der Penner war wohl beim Frühschoppen, so wie der gepfiffen hat“ ist zwar eine Meinung, aber auch eine Beleidigung. Ich habe es immer umschifft, damit etwas Druckwürdiges herauskam. Das war gerade am Anfang meiner Reporterlaufbahn bei Aufstellungen gar nicht so einfach.

Damals habe ich noch Ordner angelegt und die Namen aus den Spielerpässen abgeschrieben, wo sie aber auch nicht immer korrekt standen. David Wyglenda, mit dem ich eine Saison in Quettingen zusammenspielte, ist ein Paradebeispiel. „Wiglenda“ steht oder stand im Pass, der Trainer damals buchstabierte „Wegländer“. Wenn mein Redakteur Udo Bonnekoh damals nicht immer wieder gepredigt hätte („Namen sind Nachrichten, Jung“), hätte ich mir Arbeit sparen können. Aber er hatte und hat ja Recht.

Vor den digitalen Spielberichten und bevor jeder Trainer ein Mobiltelefon besaß, musste ich auch diverse Male in Vereinskneipen anrufen, was je nach zeitlicher Distanz zum Abpfiff auch eine Herausforderung war. „Der Jupp hat das dritte und vierte Tor gemacht. Ach nee, warte, das war der Heinz.“ – „Aber Ihr habt doch nur 3:1 gewonnen, sagtest Du?“ – „Warte, ich frag die Jungs.“ Wartezeit, neue Stimme am Telefon, es ist der Kapitän. „Also, wir haben 5:2 gewonnen. Das erste und zweite machen wir direkt am Anfang, Schorsch beide per Kopf. Dummes Gegentor dann, Pause. Jupp macht das 3:1, Heinz das 4:1, ich das 5:1. Darfst Du aber nicht schreiben, bin eigentlich krankgeschrieben – war dann der Peter, klar? Bekommst auch ein Bier das nächste Mal“. So und so ähnlich lief manches Gespräch ab – und es war immer wieder spannend.

Ich weiß gar nicht, wie viele Spielberichte ich abgeschrieben habe mit den Aufstellungen am Weidenbusch, Auf dem Bruch, Am Scharweg, in der Balker Aue, Wuppertalstraße, Deichtorstraße, Tannenbergstraße, Höfer Weg, Im Bühl, auf dem Birkenberg, Am Stadtpark oder an der Kieselstraße. Die waren nicht nur für mich wichtig, sondern auch für unsere Fotografen, die meist nur kurz Zeit hatten und dankbar eine leserliche Version abfotografierten. Ob Peter Seibel, Uwe Miserius oder Ulli Herhaus – alle nahmen den Service in Anspruch.

Mit fussball.de und dem DFB-Net wurde es für uns Journalisten einfacher, da die Aufstellungen mittlerweile spätestens mit Spielbeginn im Internet verfügbar sind und oft auch Torschützen eingetragen werden, inklusive Minute. Gelbe, Gelb-Rote und Rote Karten sind aber weiter nicht namentlich aufgeführt. „N.n.“-Spieler im Seniorenbereich sollten sich eigentlich eher auskurieren, als spielen, aber das ist etwas, was sich wohl nie ändern wird.

Schwere Verletzungen erlebte ich zum Glück nur selten live, auch wenn ich das ein oder andere Mal einen Krankenwagen rufen musste, einmal sogar für mich selbst. In Quettingen stand ich beim Warmschießen von Keeper Daniel Wefers neben dem Tor und begrüßte einige Spieler. Als ein Ball danebenflog, musste ich ausweichen, machte dabei ein paar Schritte zurück, stolperte über eine Kante und zog mir einen dreifachen Bänderriss zu. Ungeschicktes Fleisch eben. Daniel habe ich später nach Bergfried „vermittelt“, wo er noch heute im Tor steht.

Auch geht der ein oder andere Trainerwechsel insofern auf meine Kappe, da ich „freie“ Trainer auf „in Zukunft frei werdende Plätze“ aufmerksam machte – oder Vorsitzende auf Trainer ohne Beschäftigung. Meistens gehen die Wechsel der Übungsleiter im Amateurbereich zum Saisonende über die Bühne, selten aber auch während der Spielzeit. Nachrichten wie diese finden sich in meinen WhatsApp-Verläufen: „Hey, hast Du vielleicht einen neuen Job für mich?“, „Kann ich Dir nicht sagen, bin entlassen worden“, oder auch „Brauchst mich nicht anrufen, ab sofort sitzt der Chef wieder selbst auf der Bank“.

In der Tat hatte ich mir mal die erste Halbzeit eines Spiels angeschaut, nach Abpfiff den Trainer angerufen, der zu dem Zeitpunkt aber nicht mehr zuständig war – schon in der Halbzeit war er in bester Toni-Schumacher-Manier entlassen worden. Aber das sind Ausnahmen, nicht die Regel. Mit manchem Übungsleiter arbeite ich auch schon beim dritten oder vierten Verein in der Region zusammen – auch das gehört zum Amateurfußball.

Nie verstehen werde ich, warum in unserem Verbreitungsgebiet in zwei verschiedenen Kreisen gespielt wird. Manche Vereine im Kreis Solingen, andere im Kreis Köln. Abstrus ist es dann, wenn auf dem Birkenberg Vereine aus beiden Kreisen ihre Heimspielstätte haben. Es gab sogar mal den Fall, dass der Kreis Köln witterungsbedingt kollektiv absagte, in Solingen aber gespielt wurde – auf dem selben Platz. Zum Glück sind in den vergangenen Jahren viele Asche- zu Kunstrasenplätzen geworden, was die Ausfallquoten deutlich gesenkt hat. Wenn jetzt noch Bürrig und Quettingen kommen, fehlt eigentlich nur noch der Birkenberg und natürlich der ESV Opladen – dort ist der Sportbund aber nicht zuständig. Der reagierte auch schnell, als in Bergfried der Schiedsrichter nicht anpfeifen wollte, weil er in den defekten Elfmeterpunkten ein Verletzungsrisiko sah, weil ich berichtete. Das könnte bald auch in Schlebusch passieren, wo zwischen einzelnen Bahnen Rillen deutlich erkennbar sind und auch die Tornetze immer wieder geflickt werden müssen.

Als René Adler sein Comeback bei Bayer II nach langer Verletzung gab, fragte ich ihn, wie sich für ihn die Regionalliga anfühlt. „Ich mag das hier. Ehrlicher Fußball, Bratwurst und Bier“, antwortete er mir. Die werden mir, obwohl ich noch selbst aktiv spiele, in Zukunft fehlen. Wird die Sehnsucht dennoch zu groß, werde ich aber sicher wieder den ein oder anderen Platz aufsuchen. Frei nach dem Motto: „Niemals geht man so ganz“.

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