Fechten : Kneip will endlich mal zu Olympia

Vor einer Woche gewann Christoph Kneip Bronze beim Weltcup in Rio. Nächstes Jahr will er an gleicher Stelle bei den Olympischen Spielen fechten. Die am Freitag beginnende EM ist für den Leverkusener auf dem Weg ein wichtiger Meilenstein.

Ganz so leicht ist es derzeit nicht, Christoph Kneip persönlich anzutreffen. Viele Gespräche führt der Fechter des TSV Bayer, während er reist. "Auto und Freisprechanlage sind momentan meine besten Freunde", entgegnet er schmunzelnd. Beim Telefonieren jedoch hat er jede Menge Zeit.

Rund 300 Kilometer ist das Leistungszentrum in Tauberbischofsheim von Leverkusen entfernt. Mindestens drei Mal wöchentlich versucht Kneip vor Ort zu sein. Seit gut einem Jahr trainiert er dort in einer Leistungsgruppe der besten deutschen Degen-Fechter. Manchmal ist Vereinskollege Falk Spautz dabei, die meiste Zeit aber schrubbt Kneip die vielen Kilometer alleine, der seinem großen Ziel, endlich mal bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, aktuell alles unterordnet. "Klar ist das anstrengend, aber zum Glück schlägt sich das Training in den Erfolgen nieder. Ich fühle mich stark und bin derzeit sehr stabil in meinen Leistungen", sagt der 35-Jährige, der es auf der Zielgeraden seiner Karriere noch mal wissen will. "Eine Olympia-Teilnahme ist ein Traum von mir. 2004 hatte ich Pech, dass es nicht klappte", sagt Kneip, "ich bin damals mit dem Druck noch nicht so gut klargekommen. Aber man sagt ja: Je älter, desto reifer."

In Kneips Fall trifft das sicher auch auf seine mentale Stärke zu. "Ich bin ein Kopf-Sportler. Mir hat die Erfahrung der letzten Jahre zu mehr Ruhe in den Gefechten verholfen. Davon profitiere ich jetzt."

Dass der Leverkusener dabei stets etwas im Schatten der prominenteren Britta Heidemann kämpft, findet der Deutsche Meister von 2013 nicht schlimm. "Man muss im richtigen Moment Erfolg, aber auch das Glück haben. Britta ist nach ihrem Olympiasieg in Peking noch mehr in die Öffentlichkeit gerückt und hat die Chance für sich richtig genutzt", sagt Kneip. "Ich war nie der Typ, der gerne vor einer Kamera stand."

Mitte November wurde er Zweiter beim Weltcup in Tallinn. Vergangene Woche überraschte er als Dritter beim Grand Prix in Rio, dem Austragungsort der Olympischen Spiele 2016, an den er nächstes Jahr gerne zurückkehren möchte. Der Weg ist aber noch lang. Und gerade für die Fechter, die einen komplizierten Qualifikationsmodus durchlaufen, schwieriger als in anderen Sportarten. Als bester Deutscher auf Platz 24 der Weltrangliste hat Kneip jedoch gute Chancen, am Ende sogar zu den 16 zu gehören, die direkt die Einzel-Qualifikation schaffen. Der wahrscheinlichste Weg aber, ein Olympia-Ticket zu bekommen, ist über die Mannschaft. Neben Kneip bei den Männern, kämpfen im Damen-Degen aus TSV-Sicht Heidemann und Alex Ndolo um einen Startplatz. Ist Deutschland qualifiziert, darf es drei Athleten fürs Einzel benennen - unabhängig von der Weltranglisten-Platzierung.

Die am Freitag beginnende EM in Montreux ist der nächste wichtige Meilenstein. Bis feststeht, wer nach Rio fährt, wird aber noch viel gerechnet. Insofern hält sich Kneip mit Prognosen zurück. "Wenn es mit Rio klappt, freue ich mir wahrscheinlich ein Loch in den Bauch. Aber ich weiß nur zu gut, was noch alles passieren kann. Wenn ich es nicht schaffe, höre ich ziemlich sicher auf", so seine Überlegung.

Für die Zeit danach wünscht sich Kneip, dem Sport in irgendeiner Funktion erhalten zu bleiben. "Vielleicht ergibt sich was im TSV." Dort ist er schon jetzt nicht nur Leistungssportler, sondern als ehrenamtlicher Sportwart "Mädchen für alles" wie er scherzhaft sagt. "Wo ich helfen kann, helfe ich. Ich bin eben ein kleines Bayer-Kind, seit 33 Jahren im Verein", entgegnet Kneip. "Er liegt mir am Herzen, ich kenne dort so ziemlich jeden - und möchte auf diese Art auch etwas zurückgeben."

(RP)
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