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Leichtathletik: "Ich fühle mich um etwas Großes betrogen"

Leichtathletik : "Ich fühle mich um etwas Großes betrogen"

Bei der Leichtathletik-WM 2005 wurde der Hammerwerfer des TSV Bayer 04 Vierter – acht Jahre später bekommt der 33-Jährige womöglich nachträglich Silber, weil zwei der Medaillengewinner damals vermutlich gedopt waren.

Herr Esser, erinnern Sie sich noch an den 8. August 2005?

Esser An das genaue Datum nicht. Aber ich nehme an, es geht um das Hammerwurf-Finale bei der Weltmeisterschaft in Helsinki.

Genau.

Esser Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Es war ja damals für mich der erste Auftritt auf der großen Leichtathletik-Bühne. Es hat geregnet, und ich weiß, dass ich im zweiten Durchgang in Führung gegangen bin, also sogar kurz auf Weltmeisterschafts-Kurs lag. Dann hat es aufgehört zu regnen und drei Konkurrenten zogen an mir vorbei. Am Ende des Wettkampfs fehlten mir 19 Zentimeter zu Bronze.

In der vorigen Woche wurden der damalige Sieger, Iwan Tichon, und der Zweite, Wadim Dewjatowski, bei nachträglichen Dopingproben positiv getestet. Wie haben Sie davon erfahren?

Esser Ein Journalist rief mich am Freitag an und hat mir davon berichtet. Ich dachte zunächst, er will mich veralbern. Denn es standen bereits im vorigen Jahr, im August, Gerüchte rund um Tichon im Raum. Aber als mir nun gesagt wurde, dass es um zwei Werfer geht, konnte ich das zunächst nicht glauben. Aber es scheint sich ja nun zu bewahrheiten. Die A-Probe der beiden war positiv. Die B-Probe steht noch aus, aber bislang war es in solchen Fällen ja so, dass diese dann zu 99,9 Prozent auch positiv ausgefallen ist.

Jetzt, fast acht Jahre später, bekommen Sie vermutlich Silber zugesprochen. Wie fühlt sich das an?

Esser Ich bin in den letzten Tagen durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Zuerst war ich überrascht, dann habe ich die Sache abgeblockt. Etwas später hat sich dann das Gefühl eingestellt: Wow, du bist Vize-Weltmeister. Da kam ein gewisser Stolz bei mir hoch. Inzwischen macht sich aber auch Frustration bei mir breit, denn mir wurde ja auch einiges genommen.

Fühlen Sie sich betrogen?

Esser Ja, durchaus. Dabei geht es mir weniger um finanzielle Aspekte. Aber ich bin damals vermutlich um etwas Großes gebracht worden: die Siegerehrung, die Ehrenrunde im Stadion. Das sind die Dinge, auf die man als Sportler hinarbeitet. Dazu kommt bei mir, dass ich ja schon oft als Vierter bei großen Wettkämpfen am Podest vorbeigeschrammt bin.

Rechnen Sie damit, dass noch weitere Ergebnisse aus der damaligen Zeit korrigiert werden könnten?

Esser Das ist sicherlich etwas, über das ich nachdenke. Zumal es ja so kam, dass es bei der Europameisterschaft 2006 ein ähnliches Ergebnis gab. Ich wurde damals auch Vierter, und Tichon und Dewjatowski lagen wieder vor mir – nur dass die beiden in Göteborg Erster und Dritter geworden sind. Wenn man davon ausgeht, dass ein Sportler, der des Dopings überführt wurde, zwei Jahre gesperrt wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieses und weitere Ergebnisse aus den Jahren 2005 bis 2007 noch geändert werden könnten. Vielleicht werde ich also auch noch Vize-Europameister. Aber falls es so kommt, vergehen bis dahin noch viele Monde.

Aber es ist auch geplant, noch aktiv Erfolge zu feiern – nicht nur am grünen Tisch?

Esser Definitiv. Die Vorbereitung auf die Saison läuft vielversprechend. Nach dem Verletzungspech im vorigen Jahr bin ich gut durch den Winter gekommen. Am Wochenende fliege ich nach Spanien, nehme endlich mal wieder an den Winterwurfmeisterschaften teil.

Im Sommer bei der WM in Moskau stehen Sie endlich auf dem Podest?

Esser Das ist immer noch mein großes Ziel: die Siegerehrung aktiv mitzuerleben.

Gehen Sie denn anders in Ihre Saison als vermeintlicher Vize-Weltmeister?

Esser Nein, auch wenn ich die Silbermedaille tatsächlich bekomme, ändert sich ja nicht viel – außer, dass ich dann den Text auf meinen Autogrammkarten ändern müsste.

ROMAN ZILLES FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)