European Championships 2018: Konstanze Klosterhalfen hat bei der Leichtathletik-EM in Berlin die Angst abgeschüttelt

„Ich wollte nur fit an den Start gehen“ : Konstanze Klosterhalfen hat die Angst abgeschüttelt

Nach Sehnenbeschwerden ist die TSV-Läuferin Konstanze Klosterhalfen endlich schmerzfrei. Mit ihrer Leistung bei der EM in Berlin zeigt sich die 21-Jährige zufrieden.

Bis tief in die Nacht zum Montag standen sie im Maritim an der Hotelbar und fachsimpelten: Konstanze Klosterhalfen, ihre Eltern, Trainer Sebastian Weiß. Der Läuferin ging die innerliche Hitze offenbar nicht aus.

Fast genauso, wie die 5000-Meter-Vierte wenige Stunden zuvor ihr EM-Rennen bestritten hatte, stand sie da, als sie Gesa Krause zum Titel gratulierte und sich mit der Hindernislauf-Europameisterin austauschte – in kurzer Wettkampfhose, mit der auf den linken Oberschenkel geklebten Nummer für die Zeitmessung. Selbstverständlich nicht mehr im Wettkampftrikot, sondern in der gelbfarbenen Teamjacke mit der Aufschrift „Germany“. Wegen der Dopingkontrollen waren die beiden Topläuferinnen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes erst spät ins Mannschaftshotel unweit des Tiergartens zurückgekehrt.

„Ich habe die großartige Stimmung aus dem Publikum aufgenommen“, schwärmte das Lauftalent aus Königswinter-Bockeroth wie so viele deutsche Leichtathleten von der Gänsehautatmosphäre bei der Heim-EM im Berliner Olympiastadion. Sie sei dann „einfach mein Rennen gelaufen“. Bei ihrem Fazit wirkte die 21-Jährige sichtlich und hörbar gelöst: „Ich denke, ich darf zufrieden sein.“

Durfte sie. Und sollte sie. Zumal Klosterhalfen wegen der nachträglichen Disqualifikation der für Israel startenden gebürtigen Kenianerin Lonah Salpeter einen Rang näher an die Medaillen herangerückt war. Die an zweiter Stelle liegende Salpeter war eine Runde zu früh nach dem Überlaufen der Ziellinie stehengeblieben – im Glauben, Silber gewonnen zu haben. Als sie ihren Irrtum realisierte, setzte sie das Rennen fort, kam vor Klosterhalfen ins Ziel, wurde später aber aus der Wertung genommen, weil sie kurz nach dem Start zu früh und somit unerlaubter Weise die Bahn gewechselt hatte.

Das Chaos um die 10.000-Meter-Europameisterin juckte die Läuferin des TSV Bayer 04 Leverkusen nicht, zumal sie sich nach wie vor „nicht soviel damit beschäftigt, wer da mitläuft. Dass die alle stark rennen, wusste ich“. Klosterhalfens derzeit größtes Glück ist es ohnehin, nach der ersten ernsthaften Verletzung ihrer Laufbahn wieder schmerzfrei zu sein. Die „Läuferknie“ genannte Problematik, die ihr heftige Sehnenbeschwerden an beiden Beinen beschert hatten, ist auskuriert. „Ja, zu hundert Prozent“, bestätigte sie: „Ich muss auf Holz klopfen.“

„Das Gefühl, wieder alles geben zu können“ befreit sie. „Ins Training zu gehen, ohne jedes Mal Angst davor zu haben, dass gleich wieder etwas weh tut. Ich wollte hier nur fit an den Start gehen.“ Das tat „Koko“ auf einem beachtlichen Niveau. Europarekordlerin Sifan Hassan läuft ohnehin in einer eigenen Welt, der Titelgewinn der Niederländerin (14:46,12 Minuten) war programmiert. Für die Deutsche (15:03,73) blieb die Erkenntnis, dass der Wechsel auf die 5000-Meter-Strecke die richtige Entscheidung war: In Bestform hätte sie ziemlich sicher die erträumte Medaille gewonnen. „Um noch einen draufzusetzen und mit Hassan noch einen Schritt mitlaufen zu können, hat einfach noch etwas gefehlt“, sagte Klosterhalfen: „Vielleicht nicht nur vom Trainingszustand, sondern auch, weil mir die Härte aus den Rennen fehlte. Es war ja erst mein drittes in dieser Freiluftsaison.“

Ihre Ungeduld zu zügeln, war der dreimaligen deutschen 1500-Meter-Meisterin nicht schwer gefallen, „weil das Rennen von Beginn an recht schnell war. Ich musste nicht so überlegen, ob ich hinten bleibe oder nicht“, sagte Klosterhalfen, die stets in der Spitzengruppe mitlief, sich 1000 Meter vor dem Ziel kurz an der Spitze zeigte, dann aber zurückfiel. „Es ist natürlich schade, dass ich nicht ganz vorne mitlaufen konnte, aber da komme ich auch noch irgendwann hin.“

Jedes Jahr eine neue Erfahrung, die das Lauftalent weiterbringt. Die EM 2018 genauso wie die WM 2017, bei der sie nach anfänglichem Sololauf an der Spitze des 1500-Meter-Feldes einbrach. Das Ausscheiden im Londoner WM-Halbfinale hat sich für sie im Rückspiegel „angefühlt wie ein Schlag“. Weil sie plötzlich nicht mehr mithalten konnte. Diesmal hatte die unvollkommene Vorbereitung die Erwartungen gedämpft. Nicht zuletzt ihre eigenen.

Jetzt schaut sie nur noch nach vorne. Zunächst mal auf die verbleibenden Rennen einer Saison, die für sie gerade erst begonnen hat. Das Diamond-League-Meeting in Birmingham, wo sie vergangenes Jahr über 3000 Meter deutschen Rekord lief, steht am Samstag auf dem Plan. Und mit Blick auf die WM 2019 in Katar sagt sie: „Auch wenn es noch ein bisschen weiter weg ist: Ich hoffe, dass ich dann wieder einen Schritt weiter bin.“ Welche Distanz sie dort anpeilt, ist noch offen. Möglicherweise wird es wieder die kürzere Distanz.

„Vom Herzen her“, sagt Klosterhalfen, „bin ich immer noch 1500-Meter-Läuferin.“

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