Leichtathletik : Ernüchternde EM-Bilanz

Die Europameisterschaft in Helsinki begann aus Leverkusener Sicht mit dem Schock des Kreuzbandrisses von Aleixo-Platini Menga, und sie endete mit der Enttäuschung der verpassten Olympia-Nominierung von Markus Esser. Dazwischen gab es viele fragende Gesichter, bediente Mimik und hinderliche Wehwehchen. Durfte der TSV Bayer 04 vor zwei Jahren in Barcelona noch drei EM-Medaillen bejubeln, blieb es diesmal bei der bronzenen von Speerwerferin Linda Stahl. Die Analyse:

r Silke Spiegelburg: Sie reiste als Deutsche Meisterin an, als beste Europäerin in diesem Jahr, sie sagte, sie fühle sich so gut wie nie, trainiere so viel wie nie und sei so locker wie nie. Sie hatte jüngst am Deutschen Rekord von 4,81 Metern geschnuppert, doch bei der verregneten Generalprobe für Olympia haderte Silke Spiegelburg nun mit Krämpfen in Oberschenkel und Wade und damit, als Vierte mit 4,50 Metern einmal mehr zu einem Saisonhöhepunkt keine Top-Leistung erbracht zu haben. "Ich war bei den letzten beiden Sprüngen viel zu dicht und bin von oben auf die Latte drauf gefallen", analysierte die 26-Jährige. "Aber lieber verpatze ich die Generalprobe als die Premiere." Bei der WM in Berlin 2009 war sie tränenreiche Vierte, 2011 in Daegu war sie an zu weichen Stäben gescheitert, diesmal streikte also der Muskeltonus. Mut für London muss eine solche Serie nicht unbedingt machen.

r Markus Esser: Neun Versuche in Qualifikation und Endkampf reichten Bayers Hammerwerfer nicht, um die Olympia-Norm von 78 Metern doch noch zu packen. Schon in den vergangenen Wochen war Essers Formkurve abgefallen, statt zu den zwei Saisonhöhepunkten hin anzusteigen. Er habe Probleme, die Power auf den Hammer zu übertragen, sagte Esser. Überdies ließ ihn die Gesundheit im Stich: "Ich habe Probleme im Leistenbereich und mit dem rechten Bein, und dadurch kommt der Schmerz", sagt er. 74,43 Meter und EM-Rang sieben dürften den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kaum dazu bewegen, den 32-Jährigen per Härtefallregelung in den Kader für London zu hieven. "Ich denke, Olympia hat sich erledigt. Ich werde die nächsten Wettkämpfe absagen und mich erst einmal pflegen lassen. Ich will auf jeden Fall noch zwei Jahre weitermachen", sagte Esser.

r Linda Stahl und Katharina Molitor: Bis vor ein paar Wochen sah die Speerwurfszene eine Linda Stahl, die nicht richtig in Tritt kam und der Olympia-Norm lange hinterher lief. Und sie sah eine Katharina Molitor die über Wochen konstant um 63 Meter warf. In Helsinki drehten sich nun die Vorzeichen um. Während Stahl mit 63,69 Metern Bronze gewann, blieb ihre Teamkollegin mit 60,99 Metern deutlich hinter dem selbst gestecken Ziel zurück, im Finale Bestleistung zu werfen. "Ich weiß nicht genau, woran es heute gelegen hat", sagte sie.

r Alyn Camara und Julia Förster: Weitspringer Camara enttäuschte mit 7,80 Metern zwar nicht, verpasste aber das Finale. Für Julia Förster indes war als Ersatzfrau der 4x400-Meter-Staffel die EM-Teilnahme an sich schon ein Erfolg.

(RP)
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