Analyse : Ein Meister auf dem Weg ins Mittelmaß

Das Abrutschen der Bayer-Volleyballerinnen in der Tabelle der Zweiten Liga könnte einen langfristigen Trend einläuten.

Zu gut für die Zweite Liga, zu schlecht für die Erste. Das ist die Schublade, in die sich die Volleyballerinnen des TSV Bayer 04 seit ihrem wirtschaftlichen Abstieg im Sommer 2009 sportlich einsortiert haben. Eindrucksvoll belegt wird dies von ihrer Statistik: Bis Sommer erspielten sie in drei Zweitliga-Saisons 65 Siege in 68 Spielen, in ihrer einzigen Erstliga-Spielzeit seither wurde dagegen nur zweimal gewonnen, aber 24 Mal verloren.

Aktuell wird die Mannschaft von Trainer Zhong Yu Zhou ihrem Ruf allerdings nicht gerecht. Während der Weihnachtspause bis zum 11. Januar fristet der Meister ein für seine Verhältnisse tristes Dasein auf Rang sechs der Zweiten Liga. Dreimal ging Bayer in dieser Saison schon als Verlierer vom Platz, hinzu kam der Punkte-Entzug am Grünen Tisch, weil am ersten Spieltag in Schwerin eine nicht-spielberechtigte Akteurin eingesetzt wurde.

"Natürlich sind wir mit unserem Abschneiden unzufrieden. Wir hatten uns als Ziel einen Platz unter den ersten Drei gesetzt, und wir wissen, dass wir deutlich besser spielen können, als wir es teilweise getan haben", sagt Markus Udelhofen, Co-Trainer des TSV.

Vieles lässt sich mit dem Personal erklären. Verfügte Bayer in der Vergangenheit beständig über mehrere Spielerinnen, die dem durchschnittlichen Zweitliga-Niveau deutlich entwachsen sind, sind davon in dieser Spielzeit nicht viele übriggeblieben. Jennifer Pettke, Mittelblockerin und Eigengewächs des Vereins, zog es im Sommer nach Hamburg — ihr neuer Klub ist zwar Letzter, aber immerhin ist die langjährige Leverkusener Kapitänin nun Stammspielerin in der Ersten Liga.

Hinzu kommt, dass Isabel Schneider seit diesem Jahr tiefe Spuren im Sand hinterlässt: Ihre Erfolge im Beachvolleyball zwangen sie regelmäßig zur Abwesenheit in der Halle. Ähnliches gilt für Katharina Molitor, deren Speerwurf-Saison sich ebenfalls mit der Volleyball-Spielzeit überlappt. Da sich der Klub keinen externen Neuzugang leistete, blieb von den vier großen Stützen des Vorjahrs in Anna Hoja nur eine einzige übrig. Sie wird umringt von Spielerinnen, die zwar gutes, aber eben nicht das große Niveau stemmen können.

Dass die aktuelle Entwicklung, das Abrutschen von der Spitze ins Mittelfeld der Zweiten Liga, einen langfristigen Trend einläuten könnte, sieht Udelhofen nicht so: "Wir sind in einer Konsolidierungsphase und werden uns so aufstellen, dass wir wieder in der Spitze mitspielen können." Es bleibt also abzuwarten, ob das Credo des Vereins — mit Talenten und einem Verein mit gutem Ruf sich gleich unterhalb der Bundesliga zu positionieren — auch weiter mit Inhalt gefüllt werden kann. Oder ob, nachdem in fünf Jahren wegen finanziellen Zwängen viermal eine mögliche Zugehörigkeit zum Oberhaus ausgeschlagen wurde, der Glanz eines ehemaligen Deutschen Meisters und Pokalsiegers nun völlig verblasst.

Womöglich wird über die Zukunft des Leverkusener Volleyballs auch etwas weiter südlich mitentschieden. Denn in Köln will sich ein Klub etablieren, der Spielerinnen mit tollen Anlagen davon absehen lassen könnte, sich für Bayer zu empfehlen: SnowTrex Köln. Die Mannschaft der Deutschen Sporthochschule mit dem Wintersportreisen-Veranstalter im Namen schickt sich an, dem TSV mittelfristig den Rang in der Region abzulaufen.

Der Klub will die "beste Volleyballmannschaft Kölns" stellen und sich "langfristig in der Bundesliga". So heißt es im Leitbild der Kölner, die derzeit ihre Tauglichkeit für die Erste Bundesliga überprüfen lassen. Daraus erwachsen weder Rechte noch Pflichten für einen Aufstieg.

Aber als Fingerzeig taugt dies durchaus — und als Ansatzpunkt, um Zukunftsszenarien zu entwerfern. Könnte etwa in der Domstadt Erstklassigkeit geboten werden und behalten die Volleyballerinnen innerhalb des TSV den Stellenwert der vergangenen Jahre, dürfte dies einigen Spielerinnen die Entscheidung abnehmen, in welchem der beiden Klubs sie spielen möchten. Das könnte für künftige Talente genauso gelten wie für bereits etablierte junge Damen — Schneider, 22 Jahre, oder Hoja, 21, studieren beide in Köln.

(RP)
Mehr von RP ONLINE