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Spaziergang in Leverkusen: Waldsiedlung mit explosiver Vergangenheit

Stadtspaziergang : Waldsiedlung mit explosiver Vergangenheit

Erstmals gab es eine Stadtführung durch das heute gut situierte Wohngebiet in Schlebusch, auf dem seit Ende des 18. Jahrhunderts eine Spengstoff-Fabrik stand, die 1926 in die Luft flog.

Die Waldsiedlung in Schlebusch war jetzt erstmals das Ziel einer Stadtteilführung. Angela Breitrück, gelernte Bürokauffrau und seit einem Jahr im Nebenberuf als zertifizierte Stadtführerin tätig, begleitete fast 20 Teilnehmer durch die schmucke Wohnsiedlung, in der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint, wo die Nachbarn nett sind und die Kinder auf der Straße spielen. Die meisten Interessenten kamen aus dem Sprengel, einige wohnen schon seit Jahren in einem der 600 Häuser. Doch auch sie hoffen, Neues zu erfahren. „Ich weiß schon eine Menge. Aber es ist trotzdem sehr spannend, was es hier noch alles gibt“, sagte eine Frau. Sie wurde nicht enttäuscht.

Wo einst Wald und Heidekraut die Landschaft prägten, entstand im Jahr 1887 eine auf Sprengstoffe für den Untertagebau spezialisierte Fabrik. Auf dem riesigen Gelände produzierte die „Carbonit“ GmbH pro Monat rund 600 Tonnen hochexplosiven TNT-Sprengstoff. Nachdem es 1926 zu einer folgenschweren Explosion kam, bei der die Fabrik in die Luft flog und 13 Menschen starben, wurde das Werk nicht neu aufgebaut. Übrig blieb die markante Direktoren-Villa an der Ecke Saar-/Mühlheimer Straße, die später als Kasino und Hotel umgebaut wurde und aktuell das „Dom Brauhaus“ beherbergt.

Übrig blieben außerdem die Altlasten im Erdreich und Grundwasser mit solch gesundheitsschädlichen Chemikalien wie Säuren, Blei, Arsen oder Quecksilber. Doch das spielte noch keine Rolle, als die Berliner Siedlungsgesellschaft Kleinmachnow GmbH ab 1934 an gleicher Stelle die ersten schlüsselfertigen „Bürgerhäuser“ errichtete und sich die Waldsiedlung trotz industrieller Vorgeschichte zunehmend in ein adrettes Wohngebiet verwandelte. Eine Bodensanierung wurde erst Jahre später zum Thema, so dass Stadt und Land von 1998 bis 2001 den Austausch samt Erneuerung einer Fläche von 12.000 Quadratmetern auf 53 Grundstücken finanzierten. Allerdings wird nach wie vor empfohlen, auf den Anbau und Verzehr von Nutzpflanzen zu verzichten. Die ursprünglich geplante Grundwassersanierung wurde nicht realisiert, sondern als „unverhältnismäßig“ bewertet, wird jedoch über ein Grundwassermonitoring überwacht.

Nach Ende des ersten Bauabschnitts waren auf Saarbrücker- und Völklinger Straße – dort existiert immer noch ein Haus im Originalzustand – bereits 451 Einfamilienhäuser entstanden. Für jedes dieser ein- oder zweigeschossigen Gebäude mit drei bis vier Zimmern einschließlich großem Grundstück waren in der Regel 9200 Reichsmark zu zahlen, für damalige Verhältnisse also recht viel. „Wenn man das Haus in der Völklinger Straße sieht und durch die Waldsiedlung spaziert, wird deutlich, wie sehr sich der Baustil durch umfangreiche Modernisierungen verändert hat“, berichtete die 54-jährige Stadtführerin, die in der Waldsiedlung aufgewachsen und bis heute dort zu Hause ist – so wie mindestens weitere 3200 Personen.„Oft sieht man mediterrane Farben wie Gelb, Braun oder Rot“, beschrieb Breitrück.

Weitere Stopps legte sie unter anderem an der 1964 erbauten Friedenskirche ein, deren Grundstück bis dahin als Schuttabladeplatz für die Stadt Leverkusen diente. Seit 2014 gehört zur Friedenskirche auch ein freistehender Glockenturm mit einem 1,8 Tonnen schweren Geläut, das auf die benachbarte katholische Kirche St. Albertus Magnus abgestimmt ist, die 1959 durch Joseph Kardinal Frings eingeweiht wurde. Zuvor wurden evangelische Gottesdienste in der Waldschule, katholische Gottesdienste in der Notkirche, dem heutigen Pfarrsaal, gefeiert. „Heute wird die Ökumene zwar mehr gefeiert als früher“, so Breitrück. „Aber was 50 Jahre nicht gewachsen ist, braucht eben seine Zeit.“