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Leverkusen: Sechs Sitzungen - eine Botschaft: "Alaaf"

Leverkusen : Sechs Sitzungen - eine Botschaft: "Alaaf"

Von Opladen bis Schlebusch drehten die Jecken an diesem Wochenende mächtig auf. Eine Rundreise durch die Säle.

Außer Rand und Band waren die sangesfreudigen Jecken, die sich am Freitag zu "Loss mer singe" im Schlebuscher Dom-Brauhaus versammelten. Zum achten Mal war die trendige Mitsingaktion aus Köln dort zu Gast, sozusagen "op jöck". Rund 300 Eintrittskarten waren bereits im Vorfeld von Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und wupsi verschenkt worden - und binnen zehn Minuten vergriffen. Beide Chefs hielten ebenso kräftig mit, wie auch zahlreiche Politiker. Norbert Reinkober (VRS) freute sich besonders über die "unvergleichlich tolle Stimmung, die besser ist als in mancher Kölner Kneipe." Auch deshalb, schilderte er, kämen zahlreiche Besucher eigens aus der Domstadt. Marc Kretkowski (wupsi) sagte: "Wir haben wir den Kölner Karneval endgültig zu uns nach Leverkusen geholt." Kurz nachdem der Titel "Weil Heimat Heimat es" der Micky Brühl Band verklungen war und ehe es weiterging mit dem neuen Lied der Domstürmer "Mir sin jekumme" merkte Besucherin Gaby Thanscheidt an: "Hier ist es so schön, weil ich weiß, es ist mein Veedel." Insgesamt neue 20 Titel wurden an diesem Abend vorgestellt. "Notfalls reicht es, den Refrain mitzusingen", empfahl Moderator Stefan Knittler. Anschließend durften Gäste ihren Favoriten wählen. Die Zeit bis zur Siegerehrung überbrückten sie singend, lachend, schunkelnd und bestens gelaunt. Am Ende siegten die Räuber (Für die Iwichkeit) vor Brings (Liebe gewinnt) und Miljö (Kölsch statt Käsch).

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Ausgelassene Stimmung herrschte am Samstag bei der Damensitzung der KG Rhingdörp Alaaf in der Aula der Gesamtschule. Besonders begeistert waren die Wiever, als die Musikgruppe "Querbeat" den Saal in einen Hexenkessel verwandelte, nachdem das den "Fauth Gentlemen" zuvor schon tänzerisch gelungen war. Das gefiel auch Heidrun Sesterheim aus Odenthal, die diese Schule vor 38 Jahren besucht hatte. "Hier ist es nicht so beengt und wir haben mehr Platz zum Schunkeln", lobte die als Löwe verkleidete Frau, die mit 16 Frauen im gleichen Kostüm gekommen war. In Uniform marschierten dagegen 150 staaste Käls des Kölner Traditionscorps "Jan van Werth" in die ausverkaufte Halle. "Für mich gibt es nicht schöneres, als die Tradition zu pflegen", sagte Sitzungspräsident Thorsten Herweg beim Anblick von vier Schwadronen samt Corps und Senat, die in drei Bussen angereist waren. Klar, dass die meisten der langen Haare nicht echt sind, mit denen die Männer so schmuck aussehen. Aber eine Perücke ist es auch nicht, offenbarte Schatzmeister Thomas Linzbach. Denn die Männer klemmen zu Auftritten entweder ein Haarband zwischen Hut und Kopf oder haben die "Haare" gleich an die Kopfbedeckung genäht. Die Haare von Prinz Matze I. sind zwar kurz, aber echt. Bei seinem Besuch warb der Narrenfürst in eigener Sache. "Mädels, ich bin noch zu haben", rief er den Frauen zu, die ihr Herz spätestens nach seiner Bühnenshow an ihn verloren haben dürften.

Eine Sitzung nach Maß erlebten ebenfalls die kaum kostümierten Herren bei der KG Burgknappen im Saal Norhausen. Neben Musik- und Tanzgruppen hatte Literat Jürgen van Elst auch einige Redner eingeladen. Als Fritz Schopps als "Rumpelstilzchen" in der Bütt stand, gab es einigen Unmut, denn zeitgleich unterhielten sich einige Männer lautstark, während andere zuhören wollten. Zweimal wurden sie von Schopps, einmal von Gastpräsident Stefan Hebbel zur Raison gerufen. Weil Präsident, Sitzungsleiter und Hausherr Hagen Norhausen erkrankt war, ließ er sich durch seinen Amtskollegen Stefan Hebbel von der befreundeten KG Neustadtfunken vertreten. Umgekehrt saß Norhausen vor vier Jahren abrufbereit, als die Neustadtfunken ihre letzte Sitzung in der Opladener Stadthalle feierten und Hebbel stündlich auf die Geburt seiner Tochter Nathalie wartete. Solidarisch erklärt haben sich die Burgknappen am Samstag auch mit dem an Blutkrebs erkrankten 33-jährigen Dennis von der Kölner Tanzgruppe "Höppemötzjer". Die Gruppe in den Magentafarbigen Kostümen trat zwar nicht auf, aber die Burgknappen verteilten Schleifen in den passenden Farben als Hinweis auf die Typisierungsaktion am 3. Februar, an der Vertreter aller Kölner Vereine teilnehmen wollen. Bester Gesundheit erfreut sich dagegen Gründungsmittglied Alois Gellner mit seinen 80 Jahren. Vor genau 33 Jahren, erinnerte der 80-Jährige, sei er als Prinz Alois I. durch die Stadt gezogen.

 Präsident Karl Heinz Hansen war stolz auf die Kinder der Gesellschaft bei der goßen Jeckensitzung der KG Fidelio Manfort.
Präsident Karl Heinz Hansen war stolz auf die Kinder der Gesellschaft bei der goßen Jeckensitzung der KG Fidelio Manfort. Foto: Miserius Uwe

Im Gegensatz zum organisierten Karneval herrschte bei der kultigen "Leverkusens kleinste Sitzung" (LKS) eine komplett andere Stimmung. Zum 21. Mal standen im fabrikähnlichen Kulturausbesserungswerk (KAW) keine Profis, sondern Laien auf der Bühne. Was mit dem verstorbenen Lokalkabarettist Johannes Boddenberg in Form einer bescheidenen Sitzung - damals noch im "Café Keller" neben der Aloysiuskapelle - begann, wird seit Jahren durch ein treues LKS-Team fortgesetzt. Dazu gehört Moderator Wolfgang Müller-Schlesinger alias "Gündä" ebenso wie Co-Moderator und Neffe des Gründers Moritz Boddenberg, der am Samstag zum sechsten Mal durch die alternative Sitzung führte. Dazu gehören aber auch rund 30 weitere Gelegenheits- und Antijecken, die ihre Zuschauer mit einer Mischung aus Musik, Kabarett und Kleinkunst verwöhnen. Nachdem "Günda" auf dem Podest in seinem Wohnzimmersessel Platz genommen hatte, sorgten die "Clapstick"-Trommler der Musikschule für einen furiosen Start. Verwandlungskünstlerin Charla Drops kam diesmal nicht alleine, sondern mit ihrer Kollegin "Dusie". Das führte bei "Günda" zu Verwirrung. "Ich weiß gar nicht, ob ich Du oder Sie sagen soll", scherzte der in Bingen geborene Schauspieler und Musiker. Nicht ohne einen musikalischen Beitrag und gehörigem Applaus verabschiedete sich der "Chor Freitag" von der Bühne - und setzte sich ins Publikum, um die folgenden Beiträge einmal aus einer anderen Perspektive zu genießen.

Unter den Auswirkungen der kurzen Session hatte die KG Fidelio Manfort am Samstag offensichtlich besonders drastisch zu leiden. Bei der "Große Manforter Jecken Sitzung" verloren sich etwa 120 Besucher im "Lindenhof". Und das, obwohl das fünfstündige Programm einiges zu bieten hatte, wie den Trompeter Lutz Kniep oder die Kölner Musikgruppe "Filue", um nur einiges zu nennen. Beinahe die Hütte abgerissen haben die "Just4Fun"-Mädels bei ihrem furiosen Auftritt im Dirndl. Hätte die Gesellschaft nicht das Glück und könnte alleine drei tänzerische Programmpunkte mit eigenen Nummern bestreiten - dem Fidelio-Nachwuchs zwischen drei und 16 Jahren, der schon erwähnten Showtanzgruppe "Just4Fun" und demnächst auch mit dem Gardetanzcorps "Jeck op danze" - wäre es angesichts der Kosten-Nutzung Rechnung vermutlich ziemlich schlecht bestellt um den Verein mit 18 aktiven Mitgliedern. "Wir sind Idealisten ohne Ende und geben nicht auf", betonte Hans-Dieter Michely, Geschäftsführer und zugleich kommissarischer Vorsitzender. Erst kurz zuvor hatte Michely den Verdienstorden in Silber vom Bund Deutscher Karneval (BDK) erhalten. "Trotz der strukturschwachen Gegend werden wir das Brauchtum aufrechterhalten, so lange es geht", gab er sich kämpferisch. Ein neuer Versuch startet am 4. Februar um 11.11 Uhr im Bürgerhaus Alkenrath. Statt "Rabatz auf dem Manforter Platz" wird dann ein Frühschoppen geboten. Unter anderem dabei ist King Size Dick.

 Bei den Rheindorfer Burgknappen verfolgte Sitzungpräsident Stefan Hebbel (hinten links) gebannt den Beitrag von Fritz Schopps als Et Rumpelstilzje.
Bei den Rheindorfer Burgknappen verfolgte Sitzungpräsident Stefan Hebbel (hinten links) gebannt den Beitrag von Fritz Schopps als Et Rumpelstilzje. Foto: Miserius Uwe

Wohl und gut aufgehoben fühlten sich insgesamt 860 Gäste im Forum bei der Prinzengarde Leverkusen. Dort feierte die Gesellschaft ihre Kostümsitzung mit einer fröhlichen Karnevalssause. "Mit den Zahlen bin ich sehr zufrieden", betonte Kommandant Oliver Höhne angesichts dessen, dass man bis vor wenigen Jahren noch im Erholungshaus feierte und lediglich 600 Karten absetzen konnte. Von allen Seiten wurde das Programm hoch gelobt, das Literat Norbert Bauer zusammengestellt hatte. Dabei waren unter anderem Rednerin Achnes Kasulke im Jahr ihres närrischen elfjährigen Bühnenjubiläums, die sechsfachen Deutschen Meister im Showtanz "High Energy", Redner Bernd Stelter sowie die Musikgruppen Klüngelköpp und Rabaue. Während Rabaue-Sänger Alex Barth die Bayer 04-Fahne zum Lied "He am Rhing" schwenkte, meinte er: "Ich wünsche euch, dass Vizekusen auch mal Meister wird." Nicht ganz so gut angekommen ist beim Publikum hingegen, dass Prinzengarde-Präsident Peter Schmitz nach jedem Auftritt eine "Rakete" steigen ließ. Und einen Schock erlebten die Verantwortlichen gar, als Polizeibeamte während einer Kontrolle am Forum zufällig entdeckten, dass Künstler mit ihren eigenen Autos verbotswidrig über einen Fußweg zur Bühne gefahren waren. "Bisher hatten wir immer mündliche Absprachen. Wenn die nicht mehr gelten, haben wir ab sofort ein Riesenproblem", bemerkte der Literat. Deshalb müsse man sich unbedingt um eine Sondergenehmigung bemühen.

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