Schuberts „Winterreise“ in Leverkusen  – wenn die Liebe vergeht

Erholungshaus : Schuberts „Winterreise“ – wenn die Liebe vergeht

Bayer Kultur begann die Konzertreihe mit einer Symbiose von Musik, Sprache und Tanz bei Schuberts Winterreise

Totenstille herrschte im Raum, als Alexander Krichel auf der schwarz ausgeschlagenen und schwach beleuchteten Bühne langsam seinen Platz am Flügel einnahm, auf dem er die Zuhörer während der folgenden 90 Minuten in verschiedene Gefühlswelten entführte. Als sich danach der Kreis schloss, war das letzte sein stummer, schleichender Abgang. Bayer Kultur eröffnete die Konzert-Spielzeit  mit der Premiere einer außergewöhnlichen Darbietung von Robert Schumanns Liederzyklus „Winterreise“, in der Musik und Bewegung eine Einheit eingehen.

Nicht nur Tänzer und Sängerin, sondern auch der Pianist ist Teil dieser Choreographie von Andreas Heise. Im Rahmen seiner Möglichkeiten natürlich, denn er hat ja reichlich zu tun, das gedruckte Notenmaterial vor sich mit Leben und Emotion zu füllen. Doch mit einer Wendung, einem innehaltenden Blick wird er in dieses Gesamtkunstwerk einbezogen. Den bewegungsreicheren Part mit Elementen des Ausdruckstanzes hatte István Simon, doch Sopranistin Juliane Banse verband ihre Doppelqualifikation als Sängerin und Tänzerin zu einer mitreißenden Einheit.

Die Interpretation durch eine Frauenstimme, statt durch einen Tenor, passt zur Gender-Thematik, die sich als roter Faden durch diese Saison zieht. Von Anfang an habe die Chemie gestimmt zwischen den vier Beteiligten, die mit dieser besonderen Produktion ein Herzensanliegen verfolgten, hieß es bei Bayer Kultur, wo diese gelungene Zusammenarbeit eingefädelt wurde. Deswegen fand auch hier im Erholungshaus die erste Aufführung statt, nach der Weltpremiere beim Festival International de Música de Marvao, das Juliane Banse und ihr Mann Christoph Poppen 2014 ins Leben gerufen haben. Und das Leverkusener Publikum war begeistert von dieser wunderbaren Zusammenarbeit. Das war längst vor dem frenetischen Schlussapplaus zu spüren, wenn in knisternden Momenten absolute Stille herrschte und zwischen den 24 Liedern, die durch sparsame Bewegung miteinander verbunden wurden, so gut wie gar nicht gehustet wurde.

Schuberts Liederzyklus beschreibt das Ende einer Liebe und das Ende eines Lebens, das letzte Stück auf dem Weg des irdischen Daseins. Und das ist von Trauer, Einsamkeit, Enttäuschung, Ermüden und zunehmendem Erstarren gekennzeichnet. Auch in kurzen, beglückten Rückblicken und Träumerei wird die Vergänglichkeit bewusst und der Winterwanderer von tiefer Melancholie eingeholt.

Diese vielen Facetten der Befindlichkeit, formte Juliane Banse ganz deutlich mit der Stimme und dem ganzen Körper. Und es waren vor allem die leisen, die verhaltenen Passagen, in denen sie besonders gut differenzierte. Alexander Krichel, den das Leverkusener Publikum während seiner Zeit als stART-Künstler bei Bayer Kultur erleben konnte, gestaltete den Klavierpart mit musikalischer Ausdruckskraft und technischer Präzision. Die Intimität eines Liederabends, bei dem der Zuhörer die Augen schließen und ganz in sich hinein versenken kann, hatte diese Aufführung auf großer Bühne freilich nicht. Aber es war ein bereicherndes Erlebnis, das sich lohnt.

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