Leverkusen: Schneewittchens Kampf

Leverkusen : Schneewittchens Kampf

Das Ballet Preljocaj begeisterte zum Saisonauftakt bei Bayer Kultur mit anrührenden Liebesduetten und kraftvollen, temporeichen Szenen.

Als das Ensemble die Bühne verlassen hatte, blieb eine einzelne Tänzerin in der Mitte sitzen. Ihr nackter Rücken war dem Publikum zugewandt während sie die Schulterpartie im Duktus der Musik verformte und bewegte. Staunend verfolgten die Zuschauer, was trainierte Muskeln und Sehnen unter der glatten Haut zustande bringen können. Wie aus weichem Ton geformt bildeten sich dort Knoten und Wülste, die im nächsten Moment der Entspannung wieder vollständig verschwanden.

Mit außergewöhnlichen Bildern und einem stark emotionalen Abend eröffnete Bayer Kultur die Tanzsaison im Erholungshaus. Eine ganze Palette menschlicher Gefühle breitete das französische Ballet Preljocaj in einer Folge kurzer Stücke aus. Diese gingen allerdings so lückenlos so ineinander über, dass sie tatsächlich zu einem abendfüllenden Gesamtwerk verschmolzen. Für seine "Playlist #1" hat der Choreograph und Compagnieleiter Angelin Preljocaj zum 30-jährigen Bestehen seine persönliche Hitliste zusammengestellt und dazu beglückende und anrührende Momente mit ganz besonders kraftvollen Szenen verknüpft. Und selten sind Tänzer so überzeugend in ihrer vorgegebenen Rolle zu erleben wie an diesem Abend. Innige Verliebtheit und Hingabe waren hier mehr als nur die perfekte Folge von Schritten, Bewegungen oder Sprüngen, die manchmal geradezu akrobatisch anmuteten. Für diese abwechslungsreiche Choreographie hat Preljocaj nämlich überall nach Bewegungselementen gefischt, wo Menschen agieren. Mal musste man an Skigymnastik denken, dann gab es wieder pantomimische Einflüsse. Vor allem wiederholte sich nichts. So erlebte das Bayer-Publikum 90 Minuten Dauerspannung im Wechsel von anrührenden, spielerischen oder verblüffenden Szenen, durchaus mit einer kleinen Dosis Humor gewürzt. Hin und her gerissen zwischen Staunen und Melancholie, zwischen temporeicher Aktion und zeitlupenartiger Sinnlichkeit.

Szenen der "Playlist #1" bezogen sich auf Literatur, andere ergründeten Mythologie und Ritus oder bedienten sich der Märchenwelt. Zur aufwühlenden Musik von Gustav Mahler etwa zwang die neidische Stiefmutter das sich windende Schneewittchen, in den vergifteten Apfel zu beißen. Ein energischer und kraftvoller Kampf mit bekanntem Ausgang. Spielerische Power dagegen entwickelten die drei Paare, die sich irgendwie drei Stühle teilen müssen. Die sie zuwerfen, im Wechsel paarweise oder einzeln darauf Platz nehmen. Ganz kurz nur, weil die Musik die Temposchraube immer mehr anzieht. Zwischen Hingabe und tobender Verzweiflung pendelte die faszinierende doppelte Sterbeszene von Romeo und Julia zum Abschluss.

(mkl)