Tag der männlichen Körperpflege: Rasieren statt Blamieren

Tag der männlichen Körperpflege: Rasieren statt Blamieren

Wann ist ein Mann ein Mann? Mit dem heutigen Tag der männlichen Körperpflege will die Industrie kräftig den Verkauf ankurbeln. Augenbrauen zupfen, Anti-Aging-Cremes und Bartpflege mit Dachshaarpinsel sind auf dem Vormarsch.

Ono hat den Kopf im Nacken. Ganz entspannt hängt er in dem ledernen Sessel und lässt all das einfach zu: Er lässt sich mit einer fingerlangen Flamme vor dem Ohr herumwedeln, er lässt sich mit einem dünnen Draht über die Augenbrauen reiben und mit einer scharfen Klinge am Hals kratzen. Von der Schere und dem elektrischen Rasierer einmal ganz abgesehen. Es sieht natürlich versiert aus, wie Murat an dem Kopf des 29-Jährigen feilt. Man muss sich trotz harten Geräts keine Sorgen machen um Onofrio Cardone. Er selbst tut es schließlich auch nicht. Er genießt diese Behandlung regelrecht, lacht, macht Witze mit Murat, seinem Coiffeur. Aber mal eine Frage: Warum eigentlich?

Nun, sagt Ono, während Murat den Bart fleißig mit dem Pinsel einschäumt, nun: die Frauen. "Ein Mann muss sich ein bisschen attraktiver machen heutzutage", sagt Ono. Die Frauen achten einfach mehr darauf, wie ein Mann aussieht, meint Ono.

Aus der älteren Generation seiner Familie kennt er das Phänomen noch nicht, aber Ono, wie er sich selbst nennt, geht mit gutem Beispiel voran. Er gibt 60 bis 70 Euro im Monat für seine Körperpflege aus. Für Kosmetikprodukte, für Besuche bei Murat, seinem Coiffeur an der Kölner Straße in Opladen, und hin und wieder auch für Körperenthaarung. Die braucht er aber gar nicht so oft, sagt der Handballer.

"Wann ist ein Mann ein Mann?", fragte schon der Melancholiker Herbert Grönemeyer. Und fand bis auf sich selbst bisher auch keine weitere kluge Antwort. Der Tag der männlichen Körperpflege am heutigen Freitag soll den Mann jedenfalls in eine bestimmte Richtung lenken. Der Mann soll nämlich daran erinnert werden, dass es sinnvoll ist, sich zu pflegen. Und vor allem soll er daran erinnert werden, dass es sinnvoll ist, sich mit teuren Produkten zu pflegen. Der Herr von heute soll cremen, liften, zupfen, peelen, schäumen. Und er soll, bitteschön, viel Geld dafür ausgeben.

Seit Jahren, das zeigen Zahlen der Kosmetikindustrie und von Konsumforschern, steigt der Umsatz bei Männerkosmetik. Männer geben immer mehr Geld für Produkte aus, die sie schöner, attraktiver und gepflegter wirken lassen sollen. Die Werbeindustrie hat Erfolg, wahrscheinlich bestärkt durch die sogenannten sozialen Medien des Internets. Manuela Hugenott von der Parfümerie Pieper in Opladen sagt: "Durch das Internet erfahren wir einfach mehr darüber, wie sich vor allem Stars und Prominente pflegen und anschließend aussehen."

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Dadurch würden insbesondere jüngere Männer inspiriert, den Vorbildern aus der virtuellen Welt nachzueifern. Überall kann man sehen: So schwer ist das doch nicht, mit dem schön Aussehen. Also strengt euch bitte an, liebe Männer.

Stephan Urlings, Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Rheingold in Köln, vermutet hinter dem Trend mehr als einen Schönheitswahn. Er sagt: "Die Männer gehen heute wieder etwas spielerischer mit ihrer Männlichkeit um." Man sehe an der Lust zur Bartpflege, an dem Interesse an Craft Beer und dem Mannesbild Islands eine neue Leichtigkeit. "Es war ja nicht immer einfach, ein Mann zu sein", sagt Urlings und erinnert an Debatten um Metrosexualität.

Vor allem aber gehe es bei der Pflege von Männern um Vitalität. "Sie sollen vor Kraft strotzen und ihren Mann stehen", sagt Urlings. In Zuge dessen, dass härtere Ansprüche gestellt werden, beruflich und privat, hätten Männer mitbekommen, dass sie gut aussehen können und müssen. "In diesem Sinne spielt Körperpflege heute eine deutlich größere Rolle", sagt Urlings.

Für Manuela Hugenott in der Parfümerie in Opladen sind Männer aber auch die einfacheren Kunden. Sie müsse manches leichter erklären, da komme es nicht auf Fachbegriffe an, sondern die Wirkung. Das Sortiment in dem Geschäft ist der aktuellen Entwicklung jedenfalls angepasst. In den Regalen stehen Peelings, Anti-Aging-Cremes und Dachshaarpinsel für den Bart. "Es gibt da sehr spezielle Produkte", sagt Hugenott und: "Männer sollten keine Damenprodukte nutzen, weil ihre Haut deutlich dicker ist."

Coiffeur Murat Özdek jedenfalls beobachtet auch, wie mehr und mehr Männer zu ihm kommen. Er zupft dann die Augenbrauen mit dem dünnen Draht, rasiert mit der scharfen Klinge und flämmt die Härchen in den Ohren weg. "Für die Frauen muss man schon was tun", sagt Murat. Die sechs Männer im Salon lachen.

(her)
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