Radfahren auf der Balkantrasse zwischen Leverkusen und Remscheid-Lennep

Serie Radfahren : Wo wilde Stiere mit der Dampflok kämpften

Wer auf der Balkantrasse radelt, kommt für bergische Verhältnisse bequem voran. Früher bummelten hier Züge und Schienenbusse.

Ein wild gewordener Stier, ein Zug, dem die Lokomotive davonfährt, ein Postschaffner, der vor dem Absprung vom entgleisten Waggon noch flott die Wertpakete rettet – wenn das Leben die besten Geschichten schreibt, dann hat sich der Balkanexpress in diese Tradition wunderbar eingereiht. Und das auch schon weit bevor die Verbindung zwischen Lennep und Opladen diesen Spitznamen erhielt. Beispiele? Hat der Leichlinger Eisenbahnexperte Kurt Kaiß in seinem vor Jahren erschienen Buch „Der Balkanexpress. Die Eisenbahnverbindung Remscheid-Lennep – Opladen“ aus Zeitungsberichten und Überlieferungen zusammengetragen. Etwa diese beiden:

19. April 1907: „Über den gestrigen Eisenbahnunfall bei Pattscheid wird geschrieben: In der Weiche bei Romberg kippte die Lokomotive des Personenzuges Burscheid-Opladen um, und drei Wagen teils voll besetzt gerieten neben das Geleise und drohten ebenfalls umzustürzen. Der Lokomotivführer und der Heizer retteten sich durch Abspringen, ebenso der Postschaffner, der sich noch schnell mit seinen Wertpaketen bepackt hatte. Die Lage drohte gefährlich zu werden, da die Gasleitung des Zuges geplatzt und in Brand geraten war...“ (Lenneper Kreisblatt)

Mit dem roten Brummer durchs Bergische. Viele Schüler nutzten die seit Anfang der 1950er Jahre verkehrenden Schienenbusse für ihren Schulweg nach Opladen. Dieses Bild entstand 1991 bei Pattscheid. Foto: Kaiß

6. Januar 1885: „Gestern morgen entsprang auf Station Hilgen beim Ausladen aus dem Eisenbahnwagen ein Stier: Derselbe... lief das Eisenbahngeleise entlang bis nach Kuckenberg, wo ihm der 9-Uhr-Zug begegnete, dem er sich wutschnaubend gegenüber stellte. Letzterer wurde zum Stehen gebracht und machte das wütende Tier einen Angriff auf den Packwagen, wurde jedoch durch das Werfen von Gegenständen verscheucht...“ (Der Verkündiger und Anzeiger an der Niederwupper).

Die Geschichte der Verbindung Lennep-Opladen beginnt vier Jahre vor dem wilden Stier: Am 15. Oktober 1881, einem Samstag: Der erste Personenzug fährt die Strecke bis Opladen. Die Freude sei groß gewesen. So groß, dass der Politik es nicht weiter aufgefallen sei, dass „bis auf weiteres für diese Strecke für die Sekundärbahnen geltenden Bestimmungen in Kraft treten, nach welchen die Niveauübergänge nicht mit Barrieren versehen sein und nicht durch Bahnwärter besetzt werden, weshalb das Publikum vor unvorsichtiger Annäherung an die passierenden Züge gewarnt wird“, zitiert Kaiß aus der Bekanntgabe der Eisenbahndirektion. Die Sekundär- oder Nebenbahnen, als die auch der Balkanexpress geführt wurde, dienten der Erschließung abseits gelegener Gebiete wie dem Bergischen, hatte eine einfachere Ausführung und geringe Streckengeschwindigkeiten. Gerade das gemächliche Tempo der Züge sorgte schnell für Unmut.

Foto: GRAFIK: MAPS4NEWS, ALICIA PODTSCHASKE

Die Lenneper Handelskammer hat zwei Jahre nach Eröffnung gar beim zuständigen Ministerium in Berlin die Umstellung auf „Vollbetrieb“ gefordert. Denn: Pro Tag fuhren nur vier Züge je Richtung, dafür dauerten die Reisezeiten sehr lange. Die Züge waren damals gemischt, Güter wurde an manchen Bahnhöfen auf- und abgeladen, Reisende mussten Geduld mitbringen.

Auch Skater haben die ehemalige Eisenbahntrasse als Übungsstrecke für sich entdeckt. . Foto: Schütz, Ulrich (us)

Andererseits kam die gemächliche Fahrt vor allem von Opladen den ersten Hügel ins Bergische Richtung Burscheid hinauf manchem Reisenden auch gelegen. „Der Zug war bergauf damals so langsam, dass die Leute in Höhe Pattscheid bequem auf- und abspringen konnten“, erzählt ein Pattscheider RP-Leser. „Und genau auf diesem kurzen Stück ist der Name Balkanexpress entstanden. Zwischen Leverkusen-Romberg und Leverkusen-Pattscheid.“ Denn damaligen Gerüchten zufolge, „sollen die Züge auf dem Balkan eben so langsam unterwegs gewesen sein, dass die Leute auf- und absteigen konnten“, schließt er an.

Bahnexperte Kaiß datiert die Erfindung des Spitznamens, zunächst „Balkanbahn“, auf das Jahr 1931. „Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich diese etwas despektierliche Bezeichnung zum positiv belegten Begriff Balkanexpress“, schreibt Kaiß im oben zitierten Buch. Gegenüber der RP ergänzte er vor einigen Jahren: Die Züge, die auf der Strecke verkehrten, seien ironisch „Balkanexpress“ genannt worden: Wobei „Balkan“ eine auch anderenorts gebräuchliche Anspielung auf die Charakteristika des Bergischen Landes sei — „weg von der Zivilisation in der rheinischen Tiefebene (Opladen) auf die rauen Höhen des ungleich dünner besiedelten Bergischen Landes“. Express stehe nett ironisch für die eingesetzten „Bummelzüge“.

Heute denkt die Politik im Bergischen darüber nach, ob sich die 28 Kilometer lange Strecke, die in den 1990er Jahren ihr Ende fand, im Sinne der Mobilitätswende nicht wieder nutzen ließe. Parallel zum Panoramaradweg auf der Balkantrasse, der das Bergische mit Opladen und künftig, so der Wunsch, auch mit der Rheinschiene verbindet und bei von Radlern wie Wanderern, Spaziergängern und Inline-Skatern extrem beliebt ist. Und erstmal auf seinen Abschluss wartet: Dieser Tage starten die Arbeiten zum letzten noch fehlenden Teilstück auf Leverkusener Gebiet – den 840 Metern bis zum Bahnhof Opladen.

Mehr von RP ONLINE