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Prozess um Handtaschenräuber in Leverkusen

Landgericht : Bewährungsstrafe für Handtaschenräuber

Für die Richter bestand am Ende kein Zweifel: Der 52jährige Angeklagte hat am 19. September 2015 eine Mitarbeiterin des Klinikums auf ihrem Nachhauseweg überfallen, ihr Verletzungen zugefügt und ihr die Handtasche entrissen.

Weil sich die Frau wehrte, gab es ein Gerangel, sie konnte laut um Hilfe rufen, der Täter wurde sofort gestellt. Nun das Urteil: Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Drei Monate davon gelten bereits als verbüßt. Der damit sogar rechtskräftig verurteilte Täter, weil weder Staatsanwaltschaft noch Angeklagter Berufung einlegen wollen, muss zudem einige Bewährungsauflagen erfüllen. So darf er sich nicht mehr in der Nähe des Leverkusener Klinikums aufhalten und muss den Weisungen eines Bewährungshelfers Folge leisten. Unmittelbar vor der Urteilsverkündung hatte der Angeklagte „das letzte Wort“ und fand darin offenbar zur späten Einsicht in die eigene Schuld. Er bat um Entschuldigung bei der überfallenen Frau, die im Gerichtssaal als Zuhörerin saß.

Damit ist eine Straftat nach dreieinhalb Jahren endlich juristisch abgeschlossen. Die späte Hauptverhandlung ist der Überlastung des Kölner Landgerichts geschuldet, räumte der Richter in seiner Begründung ein. Er führte zugleich aus, dass neben der inzwischen guten Führung auch die Unterbringung des Angeklagten in einem betreuten Wohnheim mit einer „guten sozialen Prognose“ zu dieser recht milden Strafe geführt habe. Die Strafe für Körperverletzung, Nötigung und Diebstahl entsprach damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger bedankte sich in seiner Anwaltsrede für das „faire Plädoyer“ seines Kollegen von der anderen Seite.

In dem verhältnismäßig langen Prozess, in dem mehrere Gutachter ihre Einschätzungen vortrugen, blieb jedoch das Motiv für den Überfall völlig im Dunkeln. Selbst der Angeklagte hatte dazu keine Hinweise gegeben. Der Mann hatte die Tat abgestritten und statt dessen einen völlig anderen Ablauf des Geschehens am Klinikum geschildert.

Er war der Meinung gewesen, der Frau geholfen zu haben, nachdem ein anderer den Überfall begangen hat. Aber „den großen Unbekannten“ hatte niemand gesehen, auch nicht zwei Zeugen, die nach den Hilferufen des Opfers aus verschiedenen Richtungen als erste herbeieilten, zupackten und den Angreifer bis zum Eintreffen der Polizei festhielten.

Eine Schuldunfähigkeit – beispielsweise wegen einer Alkoholhalluzinose – konnte ein Facharzt für Psychiatrie in dem Fall nicht feststellen. Allerdings wurde bei dem Mann schon eine starke Abhängigkeit vom Alkohol diagnostiziert. Zur Tatzeit musste der Angeklagte einen Alkoholpegel – nach einer zwei Stunden später gemachten Blutprobe – zwischen 1,02 und 1,4 Promille gehabt haben, doch reichte das nicht für den Nachweis einer Schuldunfähigkeit.