Kurt Lammert: "Profisport prägt meine Geschäftskarriere"

Kurt Lammert: "Profisport prägt meine Geschäftskarriere"

Die Klinik Wersbach in Witzhelden besteht im Oktober 25 Jahre. Kurt Lammert hat sie vor gut 20 Jahren übernommen. Da stand die Institution vor dem Aus, heute ist sie ein Juwel. Gespräch mit einem erfolgreichen, humorvollen und sportlichen Geschäftsmann.

Herr Lammert, vor 25 Jahren ist die Klinik Wersbach gegründet worden. Knapp fünf Jahre später stand sie vor dem Ruin. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie vorgefunden haben, als Sie 1997 gebeten wurden, dieses scheinbar unrentable Reha-Krankenhaus zu sanieren?

Lammert Und ob ich das kann: Ich war damals Immobilien-Unternehmer. Zwei Banken hatten mich gebeten, mir die Bilanzen der Klinik mal anzuschauen und sie wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. Mir wurden auch Bilanzen und Prognosen vorgelegt - nur stellte sich sehr schnell heraus, dass die Zahlen geschönt, teilweise sogar frei erfunden waren.

Also eigentlich ein Fall für den Insolvenzverwalter?

Lammert Wenn man pro Jahr rund 2,5 Millionen damals noch D-Mark Verlust einfährt - wo soll dann das Potenzial für eine Gesundung in derselben Struktur herkommen? Das war einfach hoffnungslos.

Und dann haben Sie abgelehnt?

Lammert Wo denken Sie hin? Die Klinik selbst, dass bedeutet die Bausubstanz, das Grundstück - das alles war ja durchaus in Ordnung. Nur geht das eben nicht, wenn der Chefarzt wie damals in Wersbach gleichzeitig auch der kaufmännische Direktor der Klinik ist. Der soll sich um die Patienten kümmern, nicht um die Finanzen, denn von letzterem hat er meist keine Ahnung.

Was geschah damals?

Lammert Ich habe die Klinik nicht beraten, sondern übernommen, ab dem 1. Tag gemanagt und Schritt für Schritt die Strukturen neu aufgebaut.

Das bedeutet im Klartext, Sie haben viele Leute entlassen müssen?

Lammert Sie verwenden das richtige Wort - müssen. Sehen Sie: Wenn Sie eine Mannschaft übernehmen, die seit Jahren nicht mehr funktioniert und im falschen Fahrwasser unterwegs ist, müssen Sie handeln, wie bei einem Sportverein. Da reicht es nicht mehr einfach aus, nur den Trainer auszuwechseln, Sie müssen auch ein neues Team formen, das unbelastet mitzieht. Tatsächlich habe ich damals rund dreiviertel der 50-köpfigen Belegschaft ausgetauscht, inklusive der medizinischen Leitung. Das war hart, aber unverzichtbar, sonst hätten wir die Kurve nicht hinbekommen. Natürlich haben wir auch später noch Stück für Stück gezielt in neues Personal und auch in die Infrastruktur der Klinik Wersbach investiert - aber das sind eben ganz normale unternehmerische Entscheidungen. Die Frage "Macht das eigentlich alles noch Sinn?" hat sich seit damals nicht mehr gestellt.

Sie haben eben den Sport als Vergleich herangezogen: Sie selbst haben zwölf Jahre als Profi beim ECD Sauerland gespielt, dem Vorgänger des heutigen DEL-Eishockeyklubs Iserlohn Roosters. Hat das Ihre spätere berufliche Karriere beeinflusst?

Lammert Auf jeden Fall. Ich habe so viel gemacht in meinem Leben: Zu Beginn war ich 15 Jahre für das Marketing und den Vertrieb bei der Brauerei Iserlohn AG zuständig. Aus der Geschäftsführung der Krombacher-Brauerei, wo ich fünf Jahre für den Aufbau des Exportgeschäftes und den Vertrieb Süddeutschland zuständig war, habe ich mich 1985 selbstständig gemacht - und zwar in der Immobilienbranche. Das war eine große Herausforderung - aber wer eine Herausforderung nicht annimmt, der hat schon verloren. Auch das ist übrigens eine Erkenntnis aus dem Sport. Viele erfolgreiche Unternehmer sehen das so, Bankiers leider nicht immer.

Wie darf ich das verstehen?

Lammert Eigentlich wollte ich als junger Geschäftsmann eine der ersten McDonald's-Filialen in Deutschland aufbauen, so etwas, wie Henry Maske heute in Leverkusen macht. Um so einen Vertrag zu bekommen, musste man damals aber 50.000 DM Kapital aufbringen. Die Banken, mit denen ich seinerzeit gesprochen habe, meinten, das sei doch eine Schnapsidee. Wie ich denn auf den Einfall käme, in Deutschland gäbe es keinen Markt für so etwas.

Naja, irgendwie sind Sie ja dann doch noch im Gastronomie-Bereich gelandet, denn zwei Jahre, nachdem Sie die Klinik übernommen hatten, haben Sie das Gut Landscheid gekauft - als Ruine! Was hat Sie denn da geritten?

Lammert Ganz ehrlich, so etwas war mein heimlicher Traum. In das Projekt konnte ich doch wirklich alles einbringen: meine Erfahrungen aus der Brauerei, die Immobilienkenntnisse. Ein solches historisches Objekt sozusagen am Nullpunkt zu übernehmen und nach und nach zu einem schönen Hotel aufzubauen, das hat mir Riesenspaß gemacht.

Keine falsche Bescheidenheit: Gut Landscheid ist heute eine der anerkannt besten Hotel- und Restaurant-Adressen im Bergischen Land.

Lammert (lacht) . . . und was das Beste ist: durch die Therapiebereiche konnte ich eine ideale Ergänzung zur Klinik Wersbach schaffen. In der Kombination beider Örtlichkeiten machen wir den Patienten wirklich ein optimales Angebot.

Wo steht die Klinik heute?

Lammert Mit rund 80 Mitarbeitern hat die Klinik Wersbach ihre Personaldecke inzwischen fast verdoppelt. Wir behandeln im Jahr um die 550 Patienten mit psychischen und psychosomatischen Krankheitsbildern - durch Ärztliche Therapie, Psychotherapie, Komplementärtherapie, TCM, Sport- und Bewegungstherapie. Das alles findet stationär, teilstationär und ambulant statt. Die Verweildauer der Patienten beträgt im Schnitt 40 Tage. Man kann es natürlich auch kürzer ausdrücken: Wir sind erfolgreich und gut ausgelastet. Beste Voraussetzungen also für unsere Jubiläumsfeierlichkeiten dieses Jahr.

Klinikbesitzer mit enger Beziehung zum Sport - da fällt einem unwillkürlich der frühere Präsident des FC Schalke 04 ein, Günter Eichberg, auch Sonnenkönig genannt. Sehen Sie da irgendwelche Parallelen?

Lammert (lacht) Das glauben Sie doch selber nicht. Herr Eichberg ist Geschichte, ich hoffentlich noch nicht. Außerdem hat ein Sonnenkönig jegliche Bodenhaftung verloren. Ich nehme mir heraus, zu bestimmten Zeiten auch mal unangekündigt in der Klinik aufzutauchen. Mir geht es nicht darum, die Leute zu überwachen, aber wenn man jeden Tag an einem bestimmten Ort tätig ist, verliert man manchmal unwillkürlich den Blick fürs Detail - etwa die abblätternde Farbe an einer Wand im Eingangsbereich oder andere Details, die den schönen Eindruck trüben. Wenn ich komme, fällt mir so etwas immer sofort auf.

Also soll man Sie schon auch ein bisschen fürchten?

Lammert Niemand, der seinen Job ernsthaft und engagiert macht, muss mich fürchten. Aber ein bisschen Respekt zu haben, wenn "der Alte" mal wieder auftaucht, gehört schon dazu.

PETER CLEMENT FÜHRTE DAS INTERVIEW

(RP)