Leverkusen: Notarzt in Not

Leverkusen: Notarzt in Not

Der Notarzt Thomas Werxhausen erlebt beruflich ein "Leben mit dem Tod". In der Stadtbibliothek las er aus einem selbst-verfassten Buch, in dem er seine Erfah-rungen beschreibt und reflektiert.

Thomas Werxhausen charakterisiert sich selbst als sachlichen, faktenorientierten Menschen. Dem entspricht auch die Sprache im Buch des Notfallmediziners "Mein Leben mit dem Tod", aus dem er am Donnerstagabend in der Stadtbibliothek vorlas. Zugleich ist er auch ein Mensch mit dem ganzen Spektrum an Emotionen, den es keineswegs kalt lässt, wenn sich seine Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos zeigen oder er gleich an der Unfallstelle nur noch den Tod feststellen kann.

"Die Not des Notarztes" war deswegen dieser sechste Abend in der Reihe "Literatur Gespräche", die Volkshochschule und Stadtbibliothek gemeinsam veranstalten, überschrieben. Im Gespräch mit dem Juristen a.D. Evert Everts, der selbst seit vielen Jahren als Autor tätig ist, beschrieb Werxhausen, was die häufige Begegnung mit Tod und Todesangst mit ihm macht. Und wie er dafür sorgt, dass ihn die Gefühle nicht bis zur Handlungsunfähigkeit niederdrücken und er weiterhin zu mitunter schweren Einsätzen fahren kann. Am schwierigsten wird es bei vergleichbaren privaten Situationen, wie er an einigen Beispielen deutlich macht, die er - im Kern sehr nüchtern - in seinem Buch unter Pseudonym niedergeschrieben hat. Sein schlimmster Notarzt-Einsatz überhaupt war der zu einem Schulparkplatz wo ein kleines Mädchen von einem Fahrzeug überrollt worden war. Die Sechsjährige, deren Mutter den tragischen Unfall miterlebt hatte, war ebenso Schulanfängerin wie seine eigene Tochter. "Dieses Bild wird mich für immer begleiten, den Namen des Mädchens werde ich nie vergessen", sagte er auf dem kleinen Podium in der Bibliothek. Er merkte sofort, dass er nur noch mechanisch funktionierte und selbst unbedingt Hilfe brauchte, genauso wie die junge Praktikantin, die im Rettungswagen mitgefahren war. Und deswegen forderte er bei der Leitstelle, zusätzlich zu den Notfallseelsorgern zur Betreuung der Betroffenen, die Psychosoziale Notfallhilfe an, die Rettungssanitäter und Ärzte in Grenzsituationen begleitet. So schlimm wie an diesem Tag ist es zum Glück nicht immer, trotzdem sei es wichtig, nach einem Einsatz mit den beteiligten Kollegen kurz zusammenzusitzen, vielleicht einen Kaffee zu trinken und einfach zu reden. Nur so ließen sich die Gedanken sortieren bevor man fähig sei, wieder in den Alltag zurückzukehren.

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"Sehen Sie das Leben als eine Wanderung", ist Werxhausen die Empfehlung eines Psychologen in Erinnerung. Man laufe mit einem Rucksack durch die Welt, in den immer mehr Lasten gepackt werden. Wichtig sei die Rast, wenn er zu schwer wird. Dann müsse man auspacken und den belastenden Inhalt mit einem Freund teilen. "Dieses Bild hat mir sehr geholfen", sagt der Notfallmediziner und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

An diesem Abend schnitt er im Gespräch mit Everts auch noch andere Themen an, die in seinem Buch ausführlicher beschrieben sind. Die Erfahrung mit Krankheit und Tod in der eigenen Familie, die er als Arzt und Angehöriger in einer Person erlebte. Über die Notwendigkeit, einen Sterbenden gehenzulassen, die Akzeptanz des Todes, über eine unsinnige Verlängerung des Leidens, wenn ein Krebskranker eigentlich austherapiert ist und "die Sinnlosigkeit des Todes von Kindern", die Werxhausen am meisten bewegt.

(mkl)
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