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Nach der Explosion: Currenta macht Müllanlage in Leverkusen winterfest

80 Tage nach der Explosion : Entsorger Currenta macht Müllanlage im Chempark Leverkusen winterfest

Fachfirmen inspizieren den explosionsbeschädigten Betrieb in Bürrig und setzen ihn instand. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an, ein Datum für die Wiederinbetriebnahme gibt es noch nicht.

Der Knall, die Erschütterung und die ungeheure Rauchwolke über der Stadt haben vor 80 Tagen Leverkusen in einen Schock versetzt. Eine Katastrophe, die sieben Menschenleben forderte und deren Angehörigen erst Ungewissheit, dann leidvolle Gewissheit zufügte, die das Image des Chemparkbetreibers Currenta mehr als nur ankratzte, die die Gerüchteküche befeuerte, politische Diskussionen auslöste, Umweltorganisationen auf den Plan rief und die Ermittlungs- und Kontrollbehörden bis heute beschäftigt.

Zweieinhalb Monate nach dem Vorfall im Tanklager am 27. Juli laufen an der Sonderabfallverbrennungsanlage im Chempark-Entsorgungszentrum in Bürrig „umfangreiche Instandhaltungsarbeiten“, sagt Currenta-Sprecher Maximilian Laufer. „Es werden beispielsweise Anlagenteile auf mögliche Beschädigungen geprüft.“ Dazu sind laut Laufer derzeit Fachfirmen vor Ort, die die konkreten Maßnahmen umsetzen. Ein Ziel der Arbeiten: den Bereich winterfest zu machen, vor allem Kessel und Rohrleitungen, „um sie vor Korrosion zu schützen, die bei Stillstand entstehen kann“. Und Laufer gibt für Bürger eine Art Vorab-Entwarnung: „Bei den Arbeiten kommt Wasserdampf zum Einsatz, sodass vorübergehend weiße Dampffahnen außerhalb des Werksgeländes sichtbar sein werden.“

  • Frank Hyldmar: Die Entsorgung ist angespannt.⇥Foto:
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Die Ermittler haben die Anlage inzwischen offiziell freigegeben, sprich, sie sind nun kein „Tatort“ mehr. „Die Ermittlungen halten aber noch an“, heißt es von der Staatsanwaltschaft Köln weiter. Details nannte sie vorerst nicht. Die Behörde ermittelt gegen unbekannt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässiges Herbeiführen einer Explosion. Die Polizei hatte dazu unter anderem rund 60 Zeugen vernommen.

„Alles, was bei uns passiert, geschieht in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden“, betont Maximilian Laufer. Vor allem auch mit der Bezirksregierung als Kontrollbehörde. Deren Sachverständiger in dem Fall müsse kontinuierlich informiert werden. Er hatte zwischenzeitlich einen zweiten Zwischenbericht zur Explosion vorgelegt. Der Bericht befasste sich „hauptsächlich mit experimentellen Untersuchungen des Abfalls, der im explodierten Tank gelagert wurde“, teilte die Bezirksregierung dazu im September mit. „Mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen wird die im ersten Zwischenbericht vermutete Ursache für die Explosion weiter erhärtet. Danach soll eine chemische Reaktion des Abfalls mit zunehmender Temperatur zu einem rapide ansteigenden Überdruck im Lagertank geführt haben, der trotz der vorhandenen Sicherheitssysteme des Tanks nicht mehr abgebaut werden konnte.“

Die vom Gutachter beauftragten experimentellen Untersuchungen bestätigten so die Selbsterwärmung des Abfalls verbunden mit einem Druckanstieg und eine sich selbst beschleunigende Reaktion. Danach soll der größte Temperatur- und Druckanstieg innerhalb der letzten Viertelsekunde stattgefunden hat, berichtet der Gutachter. Das Ganze führte dann zum „explosionsartigen Zerplatzen der Messzelle. Damit wäre bestätigt, dass der Abfall in Bürrig oberhalb der Selbsterwärmungstemperatur gelagert und so die Reaktion in Gang gesetzt wurde“, heißt es aus dem Bericht weiter. Schlussfolgern mag die Bezirksregierung daraus noch nichts, will erst weitere Untersuchungen des Sachverständigen abwarten, ohne einen Zeitfahrplan zu nennen.

Bekanntgegeben hat die Bezirksregierung in dem Bericht auch den Namen der Firma, aus dem der Müll kam, der im Tank Nummer 3 explodierte. Schon früher sei „dieser Abfall der Firma Agricultural Solutions A/S aus Dänemark in anderen europäischen Anlagen verbrannt“ worden, habe „nach Erkenntnissen der Bezirksregierung Köln dort keine Unfälle verursacht“. Aus der Gerüchteküche hatte es kurz nach dem Vorfall geheißen, der Müll stamme aus Italien.

Derweil arbeitet Currenta daran, den Betrieb der Anlage wieder aufnehmen zu können. Wann das sein wird, ist noch offen. „Die Arbeiten sind sehr umfangreich und werden voraussichtlich mehrere Monate dauern. Wir gehen sehr sorgfältig vor, um ein umfassendes Bild möglicher Beschädigungen zu erhalten und die Anlage entsprechend instand setzen zu können“, betont Chempark-Leiter Lars Friedrich. Für eine Wiedereröffnung muss die Bezirksregierung grünes Licht geben.

„Auch in Leverkusen wird es Konsequenzen geben“, merkte Horst Büther von der Bezirksregierung vor etlichen Wochen während einer Ratssitzung an. Die Ergebnisse des Sachverständigengutachtens seien „die Basis für die Genehmigung der Anlage, zum Beispiel, ob wir als Bezirksregierung bestimmte Abfallgruppen aus der Genehmigung rausnehmen müssen, und ob bei der Überwachung nachreguliert werden muss.“ Friedrich betont: „Wir werden einen sicheren zukünftigen Betrieb garantieren.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Leverkusen am Tag nach der Explosion im Chempark