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Leverkusen: Mit 14 zur Prostitution gezwungen, mit 20 Therapie statt Haft?

Leverkusen : Mit 14 zur Prostitution gezwungen, mit 20 Therapie statt Haft?

Eine bedrückende "Karriere" im Drogen- und Prostitutionsmilieu hat eine 20-jährige Leverkusenerin hinter sich, die vor dem Jugendschöffengericht wegen eines Überfalls auf den Kiosk am Busbahnhof in Opladen, Körperverletzung, Diebstahls an einem Freier, Betruges an einem Taxifahrer und neunfachen Schwarzfahrens mit der Eisenbahn angeklagt war.

Unter Einbeziehung einer Bewährungsstrafe wegen räuberischer Erpressung forderte der Staatsanwalt eine Gesamtjugendstrafe von eineinhalb Jahren ohne Bewährung. Die 20-Jährige soll allerdings die Möglichkeit bekommen, unter Haftverschonung eine Drogentherapie anzutreten.

Zu einem Urteilsspruch kam es gestern aber nicht: Der Richter musste seine Tochter aus der Schule abholen und vertagte die Urteilsverkündung. Einig waren sich Staatsanwalt, Jugendgerichtshelfer und Bewährungshelferin mit dem Verteidiger der jungen Frau: "Hier sitzt ein kranker Mensch", legten alle aus ihrer langjährigen Erfahrung mit der Angeklagten dar. Mit zehn Jahren soll sie angefangen haben, "weiche" Drogen wie Cannabis regelmäßig zu konsumieren, mit 14 soll Kokain hinzu gekommen sein. In diesem Alter sei sie "ganz üblen Typen" in die Hände gefallen, die sie zur Prostitution gezwungen hätten, führte der Verteidiger aus, der die junge Frau seit ihrem 15. Lebensjahr vor den Gerichten vertritt. Sie sei auch Opfer in den Düsseldorfer Bordellprozessen gewesen: Das Milieu greife bis Leverkusen von allen Seiten auf seine Mandantin zu und bedrohe sie ganz offen.

Die Bewährungshelferin sprach von zwei ganz gegensätzlichen Persönlichkeiten, die die 20-Jährige in sich vereine: Wenn sie clean sei, handele es sich um eine hilfreiche junge Frau, die versuche, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Wenn Sie wieder Drogen nehme und ins Milieu abrutsche, sei sie so aggressiv, dass sie jederzeit von Null auf Hundert ausrasten könne. Eine solche "Phase" hatte auch die Verkäuferin im Bahnhofskiosk in Opladen schmerzlich zu spüren bekommen. Wegen eines nichtigen Anlasses soll sie von der Angeklagten mit einer Flasche beworfen, am Boden liegend gegen Kopf und Körper getreten worden sein, bis sie bewusstlos wurde und ihr Freund eingreifen konnte. Mit einer Gehirnerschütterung, Prellungen und einem Schleudertrauma muste sie einige Tage im Krankenhaus bleiben. Bis heute ist sie aber in psychotherapeutischer Behandlung wegen traumatischer Panikattacken, die nach dem Überfall eingesetzt hatten. Es tue ihr Leid, sie entschuldige sich dafür, sagte die Angeklagte gestern vor Gericht. Sie habe bei allen ihr vorgeworfenen Taten unter Drogen gestanden. Der betrogene Taxifahrer bekam sein Geld im Gerichtssaal von ihr ausgehändigt. Der Freier, der den Diebstahl seiner Rollex angezeigt hatte, erschien erst gar nicht. Sie habe ihm die Uhr weggenommen, weil der Freier die vereinbarten 1000 Euro für die Nacht nicht habe zahlen wollen, sagte die Angeklagte.

(RP)