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Leverkusen: Meister des Ausdruckstheaters

Leverkusen : Meister des Ausdruckstheaters

Maskentheater "Familie Flöz" gastierte im Forum. Das Leverkusener Publikum erlag dem Charme der maskierten Darsteller, die wundervolle Geschichten erzählen.

Spätestens bei der Schlussszene war den Zuschauern klar, warum das außergewöhnliche Maskentheater "Familie Flöz" bei diesem Gastspiel die große Forum-Bühne brauchte. Die Festhalle hat ja gar keine Raketenabschussbasis. Im Finale nämlich starteten die Meister des Ausdrucks- und Illusionstheaters senkrecht in den Weltraum. Außerdem wächst das Fanpublikum von KulturStadtLev mit jeder Vorstellung dieses Ensembles, das seinen Ursprung 1994 an der Folkwang-Hochschule Essen hatte.

Solche sachlichen Informationen interessieren die Zuschauer wenig, denn sie erliegen in Sekunden dem besonderen Charme der Bühnenfiguren, die so perfekt und stimmig entwickelt sind, dass sie ohne ein Wort und ohne Gesichtsmimik ganze Geschichten erzählen können. Die zünden sofort, weil sie mitten aus dem Leben gegriffen, ausgesprochen gut beobachtet sind. Jeder kennt solche Situationen und solche Typen. Und das Publikum wird immer emotional berührt, darf herzlich lachen, wehmütig mitleiden und sich dann den stillen und überaus poetischen Momenten hingeben. Aber die Szenen sind weder oberflächlich komisch noch willkürlich aneinandergereiht, sondern beleuchten stets ein Phänomen von allen Seiten. Im aktuellen Programm "Garage d'Or" ist es die Hybris des Mannes. In jeden steckt bekanntlich ein Kind und außerdem treibt ihn eine unstillbare Sehnsucht nach der Ferne, nach Eroberung und Erforschung der Welt. Paradebeispiele sind die drei angetrunkenen Herren, dieoffenbar hinter einen großen Tresen versackt sind und sich erst mühsam hervorarbeiten. Trotz des Ausnahmezustands lernen die Zuschauer schon dabei die unterschiedlichen Charaktere kennen, die sie später in ihren häuslichen Umfeldern beobachten werden, wo sie sich alle Mühe geben, den Alltag zu meistern, mehr oder weniger erfolgreich. Und dann träumen sie sich weg zu den Orten ihrer tiefen Sehnsüchte: Segelabenteuer auf hoher See, Erforschen des Weltraums oder als Hightech-Erfinder im Hobbykeller. Dann schlappt auch noch die nächste Männer-Generation durchs Bild, schlaksig, cool, mit hängenden Hosen und E-Gitarren, die einen Höllensound entfachen können.

Der Tresen wird dabei zur heimischen Küchenzeile, oder vorne klappt eine Couch heraus für eine ebenso amüsante wie nachdenklich stimmende Szene beim Psychiater. Und auf der Bühnen Rückwand sehen die Zuschauer, was ein Mann am Bühnenrand auf seinem Schreibtisch zeichnet: er verbindet funkelnde Sterne mit Linien, die bisher unbekannte Sternbilder ergeben wie den großen Kinderwagen.

Foto: Alessandra Cinquemani

(mkl)