Leverkusen: Matthäus-Passion - Jesus stirbt im grellen Licht der Scheinwerfer

Leverkusen: Matthäus-Passion - Jesus stirbt im grellen Licht der Scheinwerfer

Es war ein mitreißendes Konzert, das die hochmotivierten Profimusiker von l'arte del mondo und die perfekt vorbereiteten Laien-Chorsänger der Wuppertaler Kantorei Barmen-Gemarke (auswendig am Bühnenrand) boten. Zugleich war es ein außergewöhnlicher Tanzabend der Kamea Dance Company mit Bildern, die sich tief in das Gedächtnis der Besucher von Bayer Kultur eingegraben haben. Bilder, Bewegungen und Stimmungen, die beim nächsten Hören der kompletten Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach wahrscheinlich wieder präsent sind.

Ein Jude schuf diese ausgesprochen sinnliche Interpretation des zentralen Werkes christlich-abendländischer Kultur, ohne seine religiöse Identität dabei aufzugeben. Schon das ist eine Besonderheit. Tatsächlich sind alle Mitwirkenden aufeinander zugegangen, ernsthaft in der Sache, offen für den anderen und in tiefem Respekt vor Bachs Schöpfung, die in der stark gekürzten und durcheinander geschüttelten Version "Matthäus 2727" einiges aushalten musste aber jedenfalls nicht zu Schaden gekommen ist.

Dirigent Werner Ehrhardt und Chorleiter Wolfgang Kläsener haben das Konzept erarbeitet und Verantwortung für den akustischen Part getragen, der israelische Choreograf Tamir Ginz und sein Lichtdesigner Yaron Abulafia für den optischen Teil. Die Premierenbesucher dürften beide Ebenen dieses von Bayer Kultur ermöglichten und zusammengeführten Projekts gespürt haben: eine gelungene Aufführung und eine vorbildliche interreligiöse, interkulturelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit, die ganz praktisch die Botschaft der Choreografie zeigt. Nämlich, nur wenn wir friedlich und in gegenseitiger Achtung aufeinander zugehen, hat die Menschheit eine Chance.

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In der Musik steckt für Christen freilich noch mehr, was durchaus deutlich wurde in den reflektierenden Chorälen, Eingangs- und Schlusschor und in den präzise eingeworfenen, hochemotionalen Turba-Passagen. Und in den ausgewählten Arien, bei denen die Sänger in das Tanzgeschehen auf der Bühne eingebunden wurden. Ganz sicher bewegte sich dort Daniel Tilch, der den Part des Evangelisten makellos und packend sang. Erfreulich auch die Sopranistin Stephanie Elliot, gegen die beide Bässe Philipp Scherer und Christian Janz deutlich abfielen. Elisabeth Graf hat den Zenit ihrer Altistinnen-Karriere überschritten, aber wenn sie die "Erbarme Dich"- Arie singt, ist die Zeit aufgehoben und man möchte die Augen schließen, was sich natürlich verbietet angesichts der anrührenden getanzten Bilder, die von Licht erwärmt und bald durch Scheinwerfer-Nebel weich gezeichnet wird. Die Beleuchtung variiert auch den weißen Hochglanz-Tanzboden, auf dem nur ein meterlanges Leichentuch als einziges Requisit benutzt wird. Alles andere machen Licht und Körper in eindrucksvoller Weise, wenn Jesus etwa von Scheinwerfer-Strahlen gekreuzigt wird und schon zu schweben scheint, oder wenn die Tänzer den Text "In Jesu Armen sucht Erlösung" mit rechtwinklig abgespreizten Armen ganz anders ins Bewusstsein rücken. Die ideenreiche und emotionale Choreografie hat aus "Matthäus 2727" jedenfalls eine Einheit gemacht, obwohl die Dramaturgie auf den Kopf gestellt und so durcheinandergeschüttelt war, dass sie nicht die tiefe Betroffenheit erreicht, in der das Bach'sche Original Zuhörer und Mitwirkende nach fast drei Stunden sprachlos zurücklässt.

(mkl)
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