Leverkusener Klassiksonntag widmet sich Bonner Komponist Wer Beethoven mag, der improvisiert

Leverkusen · Ungewohnter Ort für die Einführungsmatinee zum Klassiksonntag. Statt Spiegelsaal im Schloss gab’s den Vorgeschmack auf den Konzertabend wegen der parallel laufenden Kulturtage Morsbroich im Agamsaal im Forum. Wie passend, dass zur räumlichen Improvisation auch Solist Freddy Kempf übers musikalische Improvisieren sprach.

 Hatte Beethovens Sechste für den jüngsten Klassiksonntag mit der Westdeutschen Sinfonia ausgesucht: Dirigent Dirk Joeres.

Hatte Beethovens Sechste für den jüngsten Klassiksonntag mit der Westdeutschen Sinfonia ausgesucht: Dirigent Dirk Joeres.

Foto: Miserius, Uwe (umi)

Eine in Musik gegossene Oase der Ruhe, eine Szene am Bach und imitierende Vogelstimmen – in mehrfacher Hinsicht nimmt Beethovens Sechste eine Sonderstellung in seinem sinfonischen Schaffen ein. Jeder der fünf Sätze trägt einen Titel, der Bilder im Kopf entstehen lässt. Und doch ging es dem Naturliebhaber Ludwig van Beethoven nicht um Ton-Malerei, sondern um den Ausdruck von Empfindungen. Also nicht wirklich Programmmusik, die zur Entstehungszeit 1807/1808 einen eher „zweifelhaften Ruf“ hatte, erklärte Dirigent Dirk Joeres, bevor er das Werk analysierte, das er am Abend des jüngsten Klassiksonntags mit seiner Westdeutschen Sinfonia Leverkusen im Großen Saal aufführte.

Parallel fanden die Aufnahmen statt für eine weitere Folge „Beethoven Today“, die im Februar erscheinen soll. Wie die drei vorangegangenen, wird die CD im Doppelpack mit einer Erklärungs-DVD erscheinen. Entsprechend dem Klassiksonntag-Format, das Joeres 2008 zusammen mit dem kürzlich verstorbenen KSL-Musikdramaturgen Horst A. Scholz entwickelt hatte.

Gerade dieses Programm verlangte nach dem Blick ins Grüne vor den Fenstern des Spiegelsaales. Stattdessen saßen die Besucher bei Kunstlicht, gekühlt von der Klimaanlage im fensterlosen Agam-Saal, der zwar eindrucksvolles Kunstwerk, aber nicht gerade heimeliger Ort zur Beschäftigung mit Beethovens Sinfonie „Pastorale“ ist.

Der Spiegelsaal war am ersten Klassiksonntag der Spielzeit von Kulturstadtlev wegen der Morsbroicher Kunsttage belegt, deswegen musste die Einführung weichen. Eigentlich schade, dass man nicht die Gelegenheit nutzte, Musik und Bildende Kunst zu verquicken und sich gegenseitig Publikum zuzutragen.

Das Besondere an den beliebten Einführungs-Matineen im Schloss war der lockere Dialog, in dem sich Dirigent und Dramaturgen Informationen über Werke, Komponisten und Entstehungszeit zutrugen, ergänzt durch Tonbeispiele und Bilder. Am Sonntag erläuterte Joeres die Sinfonie alleine und demonstrierte zur Verdeutlichung am Klavier Themen, Melodiefolgen oder Intervalle.

Anders bei Beethovens Klavierkonzert Nr.1 in C-Dur, mit dem das abendliche Konzert begonnen wurde. Solist Freddy Kempf war bereits am Vormittag dabei und erklärte, worauf es ihm persönlich ankommt bei diesem Werk, das 1800 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, mit dem Komponisten am Klavier. Mindestens drei Kadenzen habe er dafür geschrieben, selber aber frei gespielt. „Eigentlich sollte man improvisieren“, sagt Kempf, der selbst im Sinne Beethovens Ergänzungen macht und Verzierungen zufügt. Die seien damals unerlässlich gewesen, weil der Klang auf den historischen Instrumenten gleich nach dem Anschlag erstarb, erklärt er seinem Publikum.

Heute brauche man das eigentlich nicht mehr zu tun, aber: „Ich versuche, das spontan zu machen und habe keinen festen Plan.“ Mit dieser Freiheit folgte Beethoven einer großen Tradition, denn auch Bach und Mozart variierten und improvisierten „um zu zeigen, dass man es kann“. Diese Tradition sterbe etwas, man wolle nichts mehr riskieren, damit nichts schiefgehen könne. Seine Schüler zwingt Freddy Kempf, selbst zu improvisieren. „Wir leben in einer Zeit, wo ständig verbesserte Urtexte herauskommen“, pflichtete Joeres bei, „obwohl man eigentlich von der Interpretation ausgehen sollte.“ Und erzählte eine Anekdote von einem verwirrten Umblätterer Beethovens, der fast leere Seiten mit nur wenigen Skizzen vor sich hatte.

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