Leverkusener Ferienlager: Weitere Vorwürfe gegen Camp-Betreiber

Überschwemmtes Zeltlager an der Ardèche : Kritik am Campleiter: Die „mörderische Gefahr“ unterschätzt?

Im Fall des überschwemmten Zeltlagers Leverkusener Kinder an der Ardèche wird die Kritik an den Lagerleitern lauter. Eine Bewohnerin der Region berichtet über die wiederkehrenden Flutgefahren auf örtlichen Campingplätzen und wirft dem Verein vor, sie unterschätzt zu haben.

Nach der Identifizierung des 66-jährigen Betreuers aus Köln, dessen Leiche unweit des Ferienlagers Leverkusener Kinder an der Ardèche in Südfrankreich gefunden wurde, erhöht sich der Druck auf die beiden Campleiter des Vereins „Jugendförderung Leverkusen“. Gegen sie ermittelte die französische Staatsanwaltschaft bisher wegen des Verdachts schwerer fahrlässiger Körperverletzung, der nun auf fahrlässige Tötung ausgeweitet werden könnte. Beide Lagerleiter und Vereinsvorstände befinden sich derzeit noch in Frankreich. In einer ersten Stellungnahme hatte der zweite Vorsitzende betont, er habe sich nichts vorzuwerfen. Eltern und Kinder hatten dagegen berichtet, die Evakuierung soll „mehrere Stunden“ gedauert haben und „chaotisch“ abgelaufen sein.

Unterdessen mehren sich kritische Stimmen zum Verhalten der Verantwortlichen des Leverkusener Vereins. Das Überschwemmungsproblem an Flussläufen im Departement Gard sei weithin bekannt, und wiederhole sich jedes Jahr, berichtet Ines Schlienger, eine Schweizerin, die seit 30 Jahren dort lebt. Ihr Haus befindet sich etwa 20 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Die Ereignisse um das Leverkusener Ferienlager verfolgt sie seit vielen Jahren über die lokalen Medien ebenso wie den noch laufenden Rechtsstreit des Vereins mit den örtlichen Behörden der Gemeinde S. Julien de Peyrolas über Nutzung und Baugenehmigungen auf dem Platz. Erste Bauten habe es schon auf dem Zeltplatz gegeben, als der Verein das Gelände erworben habe, berichtet sie. Dann habe er die Bauten erweitert. „Die Vereinsverantwortlichen haben auf sträfliche Art nicht akzeptiert, dass der Campingplatz hoch gefährdet war und ist bezüglich Hochwasser“, lautet ihr Vorwurf.

Das gesamte Gebiet sei „extrem hochwassergefährdet“, berichtet die Schweizer Residentin. Nahezu jedes Jahr steige der Pegel der Ardèche und ihre Nebenläufe nach Gewitter und Regenfällen an und überflute die Ufer. „Früher passierte das ab September, neu ist, dass er diesmal schon in der Ferienzeit begonnen hat“, sagt Schlienger. „Ich habe hier schon einige Dramen erlebt und viele überschwemmte Campingplätze gesehen“, sagt sie. Die örtlichen Campingplatzbetreiber wüssten das und stellten sich darauf ein so gut es geht. Die meisten Restaurants der Plätze befänden sich auf erhöhten Standorten und dienten im Fall einer Flut als Evakuierungspunkte. „Das Wasser kommt innerhalb weniger Minuten und steigt dann rasant an.“ Zelte würden weggeschwemmt, Plätze müssten sofort geräumt werden. Im vergangenen Jahr sei ein Holländer von einem Baumstamm erschlagen worden, 2002 habe es in der Region sogar mehrere Tote nach Überschwemmungen gegeben.

An dem besagten Donnerstag seien Gewitter und Regenfälle in der Region besonders heftig gewesen. „Das war wie ein Tsunami“, sagt die Frau, und berichtet von einer „explosiven Situation“ in Flussnähe. Die Ardèche und ihre Nebenläufe kennt sie gut. „Ich bade jeden zweiten Tag in dem Fluss.“ Füllt er sich mit Regenwasser, werde er zur tödlichen Gefahr. Diese Gefahr sei im Fall des Leverkusener Ferienlagers nicht oder zu spät erkannt worden.

Ines Schlienger hat als Kind Ferienlager besucht und war später selbst Leiterin eines solchen Camps. Sie schätzt den Freiraum für „Abenteuer“ , der Kinder dort gegeben wird. „Solche Zeltlager müssen weiter möglich sein“, sagt sie. „Doch sollten die Verantwortlichen wissen, wie mörderisch das Wasser sein kann in einem solch schwierigen Gebiet.“

Die beiden Lagerleiter hatten sich nach der Identifizierung des toten Betreuers in einer Pressemitteilung traurig und betroffen geäußert und zugleich gegen Vorwürfe, „Falschmeldungen“ und „Vorverurteilung“ gewehrt. Sie seien nicht 48 Stunden vor den Regengüssen gewarnt worden, sondern hätten erst kurz vor dem Ereignis einen Hinweis erhalten, dass das Wasser steigen könne. Von einer bedrohlichen Überflutung sei aber nie die Rede gewesen. Die Heftigkeit der Naturkatastrophe sei nicht erkennbar, eine bessere Vorbereitung auf die Situation nicht möglich gewesen. Als eine große Flutwelle den Platz überschwemmte, habe man umgehend reagiert und den Platz zusammen mit der alarmierten Feuerwehr evakuiert. „Für uns hatte die Sicherheit der Kinder oberste Priorität. Als wir merkten, dass die Wassermassen heftiger wurden, riefen wir die Feuerwehr zur Hilfe“, erklärt der erste Vorsitzende des Vereins.

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