Leverkusen: Vor zehn Jahren wurde das Gefängnis Opladen abgerissen.

Rückblende : Willkommen im „Hotel Altstadtstraße“!

Vor zehn Jahren wurde das Gefängnis Opladen abgerissen.

Mit 29 Männer- und Frauenzellen wurde die Haftanstalt 1884 eröffnet. 1910 kam es zu einer behelfsmäßigen Erweiterung. Im Jahr 1921 beherbergte das Gefängnis bis zu 100 männliche und weibliche Gefangene. Die Frauenabteilung wurde 1943 offiziell geschlossen. 1964 gab es noch einmal einen Um- und Erweiterungsbau. Damals bot das Haus im Normalfall 125 Inhaftierten Platz. „Mit Beginn des Jahres 1965 war die Altstadtstraße 18 nicht mehr Gerichtsgefängnis unter Aufsicht des Amtsgerichtsdirektors, sondern Haftanstalt im amtlichen Strafvollzug“, heißt es in der Stadtchronik von Rolf Müller.

Gefängnisaufstand in Opladen 1994: Insgesamt 15 Häftlinge waren auf das Dach des Gefängnisses geklettert. Die Polizei kletterte mit einer Feuerwehrleiter hinterher und beendete die Revolte. Foto: Peter Seibel

Zur wechselvollen Geschichte vom „Hotel Altstadtstraße“, wie das Hafthaus im Volksmund genannt wurde, gehörte auch ein berühmter Insasse: Im Jahr 1962 saß Untersuchungshäftling Hans Detlev Becker, damaliger Verlagsdirektor des „Spiegel“ und davor 15 Jahre geschäftsführender Redakteur und Chefredakteur des „Spiegel“-Verlags, in Opladen ein. Anlass der Inhaftierung war die so genannte „Spiegel“-Affäre.

Ein Arbeiter mindert die Staubentwicklung beim Abriss des Gefängnisses im Jahr  2009. Foto: Miserius, Uwe (mise)/Miserius, Uwe (umi)

„Weil ein Leser einen Artikel über Bundeswehr und Landesverteidigung für landesverräterisch hält wird der ,Spiegel‘ - ohnehin kein Freund der Bonner Regierenden - wie in einer Staatsaktion von der Polizei besetzt“, heißt es im Band II (Die entstaubte Republik 1960-1969) des „Spiegel“. „Bundesanwälte sehen Sicherheit und Freiheit des Volkes gefährdet.“

Hans Detlev Becker sei am 2. November 1962 von der Kriminalpolizei verhaftet worden, meldete die Rheinische Post am 3. November 1962. „Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hatte die Verhaftung bestätigt. Sie wurde mit dem Verdacht des Landesverrates begründet.“ Am 7. Dezember ist der Spiegel-Verlagsdirektor aus der Haft entlassen worden.

In den 1990er Jahren diente das Opladener Gefängnis auch als Haftanstalt für abgelehnte Asylbewerber. Zeitweilig lebten über 100 von ihnen dort. 1994 revoltierten Abgelehnte gegen ihre Abschiebung. 15 Inhaftierte waren auf das Dach geklettert. Die Polizei stieg ihnen mit Hilfe einer Drehleiter der Feuerwehr hinterher und beendete den Aufstand. 1996 wurde das Opladener Gefängnis endgültig geschlossen. Das Gebäude sei allerdings noch für kurze Zeit weiter genutzt worden: diesmal als Unterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge, sagt das Opladener Urgestein Toni Blankert. Bis zum Abriss vergingen dann noch etliche Jahre: Zunächst wurde das Gelände an einen Opladener Bäckermeister verkauft, der hier ein Wohn- und Geschäftsgebäude errichten wollte, es aber 2005 an die Georg-Kraus-Stiftung in Hagen weiterverkauft hat, die dort ein Mehrgenerationenhaus bauen wollte.Nach dem Scheitern des Projektes wurde das Grundstück an Sahle-Wohnen weitergereicht und schließlich 2009 abgerissen. Jetzt sind dort Seniorenwohnungen.

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