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Leverkusen Schausteller kämpfen ums Überleben

Fakten & Hintergrund : Schausteller kämpfen ums Überleben

Die Corona-Einschränkungen setzen der Jahrmarkt-Branche zu wie kaum einer anderen. Jetzt rüsten sich die Betroffenen für eine große Demo in Berlin. „Ich habe seit einem halben Jahr keine Einnahmen. Das ist eine ganz schwere Zeit. Wenn nicht etwas passiert, ist die Schausteller-Branche dem Ende nah“, sagt etwa Winfried Hoffmann aus Fixheide.

Der Jahrmarkt als Ort der Freude und Zusammenkunft – er gehört zur hiesigen Kultur wie Karneval und Weihnachten. Aber nicht in diesem Jahr. Durch das Coronavirus ist alles anders. Und diejenigen, die das Ambiente und die Vergnügungen eines solchen Volksfestes schaffen, sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht.

„Ich habe seit einem halben Jahr keine Einnahmen. Das ist eine ganz schwere Zeit. Wenn nicht etwas passiert, ist die Schausteller-Branche dem Ende nah“, sagt Winfried Hoffmann aus Fixheide, der gewöhnlich jedes Jahr die Kirmes auf dem Opladener Stadtfest organisiert. Hoffmann ist Schausteller in der dritten Generation, betreibt Autoscooter, Karusselle und Toilettenwagen. Vor allem die große Unsicherheit, wann und wie es weitergehe, sorge für Unmut unter seinen Kollegen.

Ausnahmslos wurden in den vergangenen Monaten nacheinander alle Volksfeste abgesagt. Von jetzt auf gleich entfiel die Lebensgrundlage der Schausteller, während alles andere weiter bezahlt werden muss: Darlehen für Fahrgeschäfte und Fahrzeuge, Mieten für Stellplätze, Versicherungen. Die Frühlings- und Sommermonate markieren eigentlich die Hauptsaison für die Branche. Dann fahren sie den Großteil ihres Jahreseinkommens ein, von dem sie sich für den Winter etwas beiseitelegen. „Selbst im Zweiten Weltkrieg hat es so etwas nie gegeben. Meine Oma hat immer erzählt, wie in den Kriegsmonaten das Kettenkarussell aufgebaut wurde, damit die Menschen für ein bis zwei Stunden ihre Sorgen vergessen“, erzählt Frank Suermann, der Nachbar von Hoffmann.

Beide fühlen sich von der Politik ungerecht behandelt: „Das öffentliche Leben runterzufahren war doch völlig verständlich. Aber dass jetzt alles wieder aufmachen darf, nur wir nicht, das ärgert uns schon sehr“, sagt Hoffmann. Schließlich gebe es am Wochenende wieder überfüllte Innenstädte. Feiern und Gottesdienste könnten stattfinden. „Und wir bekommen nicht einmal die Gelegenheit, uns zu präsentieren“. Abgesehen von dem Verbot für Großveranstaltungen bis Ende Oktober herrscht in ihren Augen auch Berufsverbot für Schausteller. Dabei, so ist sich Suermann sicher, „würden auch wir das mit den Hygienekonzepten hinkriegen“. Und anders als etwa der Einzelhandel fänden die Volksfeste ja immer im Freien statt, wo die Ansteckungsgefahr nicht so hoch ist wie in geschlossenen Räumen.

Wenn es nach den beiden Schaustellern geht, dann könnten sie den Menschen etwas Lebensfreude wiedergeben. „Wir bringen Kinderaugen zum Leuchten und die der Eltern und Großeltern ringsrum ebenfalls, wenn sie ihre Kleinen Karussell fahren sehen, weil sie ihre Kindheit noch mal erleben“, sagt Hoffmann, dessen Herzenswunsch es deshalb von kleinauf war, der Familientradition treu zu bleiben. Auch Suermann ist deshalb in die Fußstapfen seiner Eltern getreten. Dass seine Karusselle nun ungenutzt im Hof stehen müssen, „tut einfach nur weh“. Schausteller sei nicht irgendein Beruf, sondern eine Berufung, etwas in das man hineinwachse, unterstreicht Hoffmann: „Wir haben uns über Generationen hinweg etwas aufgebaut, das könnte nun alles den Bach runterlaufen.“ Der Leverkusener denkt dabei an seinen Sohn Gilbert: Der 26-Jährige machte sich vor dem Lockdown mit einem Süßwarenverkauf selbstständig und investierte in ein großes Trampolin.

Suermann und Hoffmann wollen für das Überleben ihres Berufsstands kämpfen. Wie vielen der rund 5500 Schaustellerfamilien in Deutschland reisen sie am Donnerstag nach Berlin, um an einer Kundgebung teilzunehmen und mit Schildern und ihrer Stimme den Politikern die Meinung zu sagen. „Die Schausteller-Branche hat eine 1200 Jahre alte Tradition. Die Kirmes darf nicht sterben“, sagt Suermann. Am Brandenburger Tor soll es einen Autokorso geben. Suermann wünscht sich zumindest ein positives Signal bezüglich der Weihnachtsmärkte, Hoffmann betont: „Wir sind keine Bittsteller, wir wollen arbeiten.“