Leverkusen Premiere Studiobühne im Kunstlerbunker

Studiobühne im Künstlerbunker: Marusja – Putzfrau ohne Erbarmen

In dem Theaterstück„Die Barbaren“ zeigt die selbst Heimatlose kein Verständnis für die Flüchtlinge, denen sie „hinterher putzen“ muss. 

Es sieht wüst aus auf der weiß ausgelegten Bühne im Künstlerbunker. Überall liegen die Überreste einer Party herum. Marusja streift entschlossen die Gummihandschuhe über, fegt zerrissene Girlanden, Trinkbecher und Flaschen zusammen, klemmt den Wischer von ihrem Putzwagen ab und reinigt den Boden gründlich und sorgfältig. „Picobello.“

Es ist eines der Wörter, die sie besonders mag in der neuen Heimat. Die Sprache der „Eingeborenen“ hat sie mit dem gleichen Fleiß und derselben Entschlossenheit erlernt, mit der sie sich auch Arbeit suchte. Sie steht auf eigenen Füßen, nachdem sie mit ihrem Sohn den trinkenden und gewalttätigen Mann in Russland oder Georgien verlassen hat. Darauf ist sie stolz, doch sie empfindet es als Schande, nun in diesem Heim Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan hinterher putzen zu müssen. Dabei sollten doch Menschen, die ebenfalls Heimat, Freunde, Familie und die vertraute Sprache verloren haben, Verständnis für ähnliche Schicksale aufbringen – möchte man meinen.

Dass dem nicht so ist, führt die georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili schlüssig, mit entsprechenden Argumenten und Emotionen in ihrem Ein-Personen-Stück „Die Barbaren“ vor Augen. Ruzica Haj­dari spielt diese Rolle der hadernden Putzfrau aus Osteuropa absolut überzeugend, mehr noch: Sie ist Marusja, für eine gute Stunde lang.

Als Neuzugang der Studiobühne im Künstlerbunker äußerte sie selbst den Wunsch, dieses Stück aufzuführen, einer von fünf Theaterbeiträgen über den Zustand Europas. Nachdem der künstlerische Leiter Simon H. Kappes „Die Barbaren“ gelesen hatte, war er ebenfalls überzeugt. Unter einer Bedingung: dass Ruzica Hajdari spielt. Die Situation, die sich den Zuschauern erst allmählich durch den Monolog erschließt, den Marusja während des Putzens hält, wird zunehmend düsterer. Mehr und mehr begreift man, wie ernst es ihr ist mit ihrer Kritik an den Flüchtlingen im Haus, die von gut denkenden „Marias“ mit offenen Armen, Unterkunft und warmen Decken empfangen wurden.

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„Und mit drei Packungen Hohes C!“, betont die Migrantin – so als wäre der Saft Inbegriff des Glücks.

Sie dagegen wurde von niemandem willkommen geheißen, sie musste sich durchschlagen, hat die schwierigsten Bandwurmwörter der Deutschen auswendig gelernt, als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen und jeden Job angenommen, um sich und den Jungen durchzubringen, bei dem auch noch „die Gene des Vaters durchschlugen“, so dass er ins Gefängnis kam und ihm jetzt die Abschiebung droht.

Auch jetzt unterbricht sie mehrfach Arbeit und Monolog, wenn sie die Schritte der Vorgesetzten zu erkennen glaubt. Und sann sagt sie sich die Namen der vorgeschriebenen Putzmittel auf, als gelte es einen Test zu schreiben. Dabei hat sie ihre eigenen Tricks für jegliche Flecken, auch die der roten Flüssigkeit, die wie Blut von der Decke tropft, wenn Marusja über die fremden Gewohnheiten der Hausbewohner klagt, und die sie immer wieder aufwischt.

Still und betroffen reagierten die Besucher der halböffentlichen Generalprobe. Da war keinem nach Applaus zumute, den Kappes für die letzte Probe vor der Premiere ausdrücklich untersagt hatte – Theater-Aberglaube.

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