Leverkusen: Notfallambulanz schickt Eltern mit Säugling weg

Fall aus Leverkusen: Notfall-Ambulanz schickt Eltern mit krankem Säugling weg

Ein Kinderarzt schickte ein Elternpaar mit seinem Baby in die Notfall-Ambulanz im Klinikum. Das Kind sollte stationär behandelt werden - trotzdem musste die Familie lange warten und wurde schließlich nach Solingen geschickt, weil kein Bett in der Klinik frei war. Darf so etwas passieren?

In einem Punkt sind sich alle einig: Der Fall ist dramatisch. Aber ist er eine Verkettung unglücklicher Umstände, oder läuft in der kinderärztlichen Notversorgung im Krankenhaus grundsätzlich etwas schief?

Das ist passiert: Ein Elternpaar aus Leverkusen entdeckt am vergangenen Samstag plötzlich bei der drei Wochen alten Tochter viele Pusteln im Gesicht. Der Zustand des Säuglings verschlechtert sich rasch, zudem läuft gelbes Sekret aus einem Auge. Zunächst wird die Hebamme kontaktiert. Sie meint, die Pusteln könnten harmlos sein, aber so schlimm habe sie es noch nie gesehen. Sicher sei sie nicht.

Gegen 16.15 Uhr fahren Eltern und Baby zum ärztlichen Kindernotdienst im MediLev. Dort heißt es: "Die Wartezeit liegt bei zwei bis drei Stunden." In dieser Zeit könnten Kind und Eltern nach Hause gehen. Gegen 18.30 Uhr schaut der Kinderarzt sich alles an. Er entscheidet: Das Baby muss in die Kinderklinik.

Weitere drei Stunden Wartezeit

Gegen 19 Uhr spricht die Familie bei der Kinderambulanz des Klinikums Leverkusen vor - und erfährt: weitere drei bis vier Stunden Wartezeit. Tatsächlich dauert es bis 0.30 Uhr, ehe sich der Klinikum-Kinderarzt das Mädchen anschaut und beschließt: Das Baby muss stationär aufgenommen werden.

Dann der Schock: Das Klinikum hat kein Bett frei. Eltern und Kind werden nach Solingen ins dortige Klinikum geschickt. Der nunmehr dritte Arzt schaut sich alles an. Mutter und Tochter werden stationär aufgenommen. Um fünf Uhr am Sonntag, berichtet der Vater, sei er wieder zu Hause eingetroffen.

Notfallpraxen nicht rund um die Uhr besetzt

Die deutschen Krankenhäuser haben im Jahr 2016 rund 11,9 Millionen ambulante Notfälle versorgt. Durch die anhaltend schlechte Finanzierung dieser ambulanten Notfallversorgung habe sich für die Kliniken ein Minus von einer Milliarde Euro ergeben, berichtet ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft NRW. Schon das sei nicht tragbar. Es gebe jedoch noch einen weiteren Systemfehler: "Notfallpraxen der niedergelassenen Ärzte wie MediLev sind zwar oft in der Nähe von Krankenhäusern untergebracht, aber nicht rund um die Uhr besetzt. Das bedeutet: Nach 20 oder 22 Uhr landet wieder alles in der Klinik."

Genau darum geht es nach Auskunft des SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach aktuell in den Koalitionsverhandlungen für die neue Bundesregierung. "Krankenhäuser, die Notdienste rund um die Uhr vorhalten, müssen eindeutig personell und finanziell bessergestellt werden", fordert der Politiker.

Klinikum-Geschäftsführer Hans-Peter Zimmermann bedauerte ausdrücklich den geschilderten Fall, der in Leverkusen allerdings nicht die Regel sei. Gleichwohl sei eine Arbeitsgruppe aktuell damit beschäftigt, die Abläufe in der Notfallambulanz zu verbessern. Auch Lauterbach betont, andernorts seien solche Fälle durchaus die Regel, am Klinikum nicht.

Ganz aus der Verantwortung ist das Klinikum aber nicht, findet der Sprecher der Krankenhausgesellschaft: "Es gibt eine Vereinbarung, dass Notfälle nicht abgewiesen werden dürfen." In einem solchen Fall hätte sie befolgt werden müssen.

(RP)
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