1. NRW
  2. Städte
  3. Leverkusen

Leverkusen: Marcus Otto vom Handelsverband NRW will Einkaufen neu denken

Interview Marcus Otto : „Es müssen neue Kauferlebnisse her“

Der hiesige Geschäftsführer des Handelsverbands NRW über das mögliche Kaufhof-Aus und die Lage des Einzelhandels in Leverkusen. Marcus Otto: „Im Urlaub geht man flanieren, geht gucken – und wie beiläufig kauft man etwas. Das ist das entscheidende Thema.“

Wie sieht der Handelsverband die Situation, dass der Kaufhof-Standort Leverkusen geschlossen werden soll?

Marcus Otto Der Verband ist sehr traurig. Für Leverkusen geht damit womöglich ein großes Stück Kultur verloren. Wenn man sich die Historie der Stadt anschaut, ist sie ein Standort, der von Fachmärkten geprägt war, eine lebendige Innenstadt und durch Kaufhof auch ein großes Warenhaus hat. Es gab ja früher auch weitere Kaufhäuser – beispielsweise das Bayer-Kaufhaus.

Sind diese großen Einkaufstempel wie Karstadt und Kaufhof noch zeitgemäß?

Otto Galeria Kaufhof ist das letzte große Warenhaus aus den 1970er Jahren. Es hatte immer eine große und wichtige Funktion: die Nahversorgung. Hier kann und konnte man stets Kleidung kaufen, Koffer, Spielwaren. Das Angebot fällt in Leverkusen komplett weg, wenn Kaufhof schließt, weil bereits vor der Ankündigung viele inhabergeführte Spezialgeschäfte verschwunden waren.

Was entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Kaufhauses?

Otto Ein Geschäft kann nur funktionieren, wenn man die Kundenströme dahin bekommt. Man kann politisch wollen, dass ein Laden funktioniert, aber er funktioniert nur dann, wenn er von der Kundenfrequenz nachgefragt wird.

Welche Probleme gibt es außerdem?

Otto Der Online-Handel kommt dem stationären Handel immer näher. Das ist schon länger bekannt. Und wer sich an die Diskussion der verkaufsoffenen Sonntage in Leverkusen erinnert, weiß, dass der Handel und der Verband stets betont haben, dass verkaufsoffene Sonntage gerade in Konkurrenz zum Online-Handel sehr wichtig sind, denn an diesen Tagen werden die Erträge erwirtschaftet, die über das normale Maß hinausgehen. Nun kommt aktuell hinzu, dass Corona zugeschlagen hat und der Kaufhof in Leverkusen elf Wochen schließen musste. Die logische Konsequenz ist, dass man ohne Hilfen in eine Schieflage kommt.

Welche Perspektive sehen Sie für Kaufhof in Leverkusen und den Einzelhandel insgesamt?

Otto Auch nach Corona kommen wir zur derselben Frage, die es bereits vor der Pandemie zu beantworten galt: Wie bekommen wir mehr Kundenfrequenz in die Innenstadt? Aus diesem Grund formuliere ich einen Appell: Noch einmal mit den Vermietern sprechen, um die Mietzinsen vielleicht zu reduzieren. Das kann kurzfristig helfen und Liquiditätsengpässe beseitigen. Aber das Grundthema bleibt. Der Online-Handel ist ein sehr starker Konkurrent für den stationären Einzelhandel – und für das Warenhaus an sich.

Welche Fehler sehen Sie bei Galeria Karstadt Kaufhof?

Otto Man sollte kritisch hinterfragen, ob das Geschäftsmodell, das in den vergangenen Jahren verfolgt wurde, weiterleben kann. Ich bin aber optimistisch, dass man Punkte finden könnte, wie so etwas funktioniert. Das setzt voraus, dass man an gewissen Stellschrauben flexibler wird – etwa auch bei der Frage, wie man Umsatz generiert.

Was schwebt Ihnen vor?

Otto Da komme ich noch einmal auf die verkaufsoffenen Sonntage zurück. Hier sollten wir darüber nachdenken, ob wir im Wettbewerb zum Internet und zum benachbarten Ausland an unserer Strategie festhalten können. Das ist eine grundsätzliche gesellschaftliche Diskussion, die man sich in Deutschland – und damit auch in Leverkusen – gefallen lassen muss.

Es geht um neue Kauferlebnisse?

Otto Ja, genau. Das Umfeld muss stimmen, man muss sich wohlfühlen. Man muss gut in eine Innenstadt hinein- und wieder herauskommen. Das erfordert auch ein kluges Mobilitätskonzept. Wie komme ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt? Wo kann ich es sicher abstellen? Wo habe ich die Möglichkeit, mein E-Fahrzeug zu laden? Wie verhält es sich mit dem ÖPNV? Gepaart mit der Verweilfunktion kann das klappen. Im Urlaub geht man flanieren, geht gucken – und wie beiläufig kauft man etwas. Das ist das entscheidende Thema.