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Leverkusen-Lützenkirchen – historisch reich gesegnet

Serie Stadtteilrunde : Lützenkirchen – historisch reich gesegnet

Der Stadt-Osten am Fuße des Bergischen Landes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, ist aber immer noch in viel Grün eingebettet. Nicht zuletzt wegen der guten Infrastruktur ist „Lützelenkerke“ – in der ersten urkundlichen Erwähnung Mitte des 12. Jahrhunderts ist von „Kleinkirchen“ die Rede – ein beliebter Wohnstandort in Leverkusen.

Alles ist im Wandel. In Lützenkirchen, dem Stadtteil im Leverkusener Osten, dokumentiert sich die Veränderung besonders deutlich, wie ein Rundgang in Begleitung von Karl Georg Emmels offenbart. Der Architekt kennt das Dorf seit seiner Geburt. „Das alte Lützenkirchen bestand aus vielen Einzelgehöften und Bauernschaften, war somit ein völlig anderes Gebilde“, erzählt der 71-Jährige. „Vom historischen Dorfkern sind lediglich die Kirche Sankt Marinus, die Annakapelle sowie einige Fachwerkhäuser übrig.“

Der vielleicht folgenreichste Umbruch begann vor etwa 40 Jahren, als auf einem Acker das Wohngebiet „Schöne Aussicht“ entstand. Bis heute hat dieser Hochhauskomplex seinen Ruf als sozialer Brennpunkt nicht verloren. Später entstanden viele andere Wohngebiete, zum Beispiel am Hufer Weg oder am Marktplatz, nicht aber in diesem Ausmaß. Da es aktuell noch zahlreiche Baulücken gibt, ist ein Ende des Baubooms nicht abzusehen. Aller Baumaßnahmen zum Trotz ist Lützenkirchen aber im Grunde immer ein grüner Stadtteil geblieben, liegt er doch, eingebettet in die Natur, unmittelbar am Fuße des Bergischen Landes und in direkter Nachbarschaft zum Naherholungsgebiet Bürgerbusch.

Nicht zuletzt wegen der guten Infrastruktur ist „Lützelenkerke“ – in der ersten urkundlichen Erwähnung Mitte des 12. Jahrhunderts ist von „Kleinkirchen“ die Rede – ein beliebter Wohnstandort in Leverkusen. Und vielleicht der einzige, in dem ziemlich viele Familien denselben Namen tragen wie ihre Straße und ihr Wohnort: Lützenkirchen.

Ein goldfarbenes Kreuz auf der Wiese neben der Annakapelle erinnert an die erste, 1844 abgebrochene Pfarrkirche. Foto: Matzerath, Ralph (rm)/Matzerath, Ralph (rm-)

Auf der Kapellenstraße an der denkmalgeschützten Annakapelle starten wir unsere Besichtigung. Die barocke Kapelle wurde 1698 von Franziskanern als Zeichen der Gegenreformation erbaut. Die Pater sollten die Seelsorge der im Grenzgebiet lebenden „gefährdeten Katholiken“ missionarisch unterstützen, da das Kirchspiel genau an das evangelische Territorium von Bergisch Neukirchen und Burscheid grenzte. Um 1810 sollte die Kapelle als Schulhaus des damaligen Bürgermeisters Jakob Salentin von Zuccalmaglio dienen. Bewaffnet mit Sensen, Beilen und Mistgabeln, wehrten sich die Einwohner gegen diesen Plan. Später ging der Vorfall als „Bauernaufstand von Lützenkirchen“ in die Geschichtsbücher ein.

Ein goldfarbenes Kreuz auf der Wiese neben der Annakapelle erinnert an die erste Pfarrkirche im Kirchspiel Maurinus, die um 900 errichtet, um 1686 erneuert und 1844 abgebrochen wurde. Genau dort lag auch der Ursprungskern der einstigen Streusiedlung mit der Kirche als Mittelpunkt. Einige hundert Meter vor uns am Berg liegt die Pfarrkirche Sankt Maurinus, die 1847 als einzige Kirche im Erzbistum dem weitgehend unbekannten Abt und Märtyrer aus Köln geweiht wurde, dessen Gebeine in der Kölner Kirche St. Pantaleon bestattet sind.

Das Zentrum Lützenkirchens mit der Kirche St. Maurinus, die 1847 geweiht wurde. Foto: Matzerath, Ralph (rm)/Matzerath, Ralph (rm-)

Wir lassen das Gotteshaus links liegen und setzen unseren Weg auf der stark befahrenen Lützenkirchener Straße in Richtung Norden fort. Am Rand einer kleinen Parkanlage erinnert ein 1,80 Meter hoher Gedenkstein an die frühere Bedeutung des Ortes. Die Arbeit aus Aachener Blaustein – im Auftrag des Verkehrs- und Verschönerungsvereins unter Federführung von Rudolf Sykora vom früheren Leverkusener Bildhauer Kurt Arentz gefertigt – zeigt ein Schöffensiegel. Abgebildet ist der Bergische Löwe – das Wappentier der Grafen und Herzöge zu Berg, die für viele Jahre das Bergische Land regierten – sowie eine Birne mit zwei Blättern. Denn einst war Lützenkirchen nicht nur Sitz des Landgerichts, sondern zählte auch zu den reichsten und ältesten Obstanbaugebieten des Bergischen Landes und war über Jahrhunderte eine Domäne der Landwirtschaft.

Einige Meter weiter an der Kreuzung zur Straße Lehner Mühle – die gleichnamige Öl- und Getreidemühle wurde 1960 stillgelegt – steht ein barockes Standkreuz aus dem Jahr 1726, an dem die Fronleichnamsprozession gewöhnlich einen Stopp einlegt. Sobald wir von der Hauptstraße in die Dorfschaft Lehn abbiegen, sehen wir ein Fachwerkhaus mit Seltenheitswert. Nicht weit davon entfernt ist das einstige Wohnhaus der Schöffen des Amtes Miselohe, das sogenannte Burghaus zu Lehn, noch immer gut erhalten.

Der Sage nach führte ein unterirdischer Gang bis zur nahen Kreuzkapelle, deren schlichtes Äußeres ihren wertvollen Inhalt – und in dieser Art im Erzbistum einmaligen Vollständigkeit – nicht vermuten lässt: Fast lebensgroße Figuren dominieren den Innenraum und stellen Passionsszenen dar. Im 18. Jahrhundert war die Kreuzkapelle ein Wallfahrtsziel, dessen Besuch mit dem Nachlass aller bis dahin angefallenen Sünden belohnt wurde.