Bitter Corona macht die Chöre stumm

Leverkusen/Leichlingen · Die Pandemie-Regeln werden die Gesangsvereine bei Proben und Konzerten noch lange einschränken. Manche dürfte dies existentiell treffen. „Chorproben mit 80 Leuten in einem engen Raum, das wird es für lange Zeit nicht geben, und wir werden auch in der zweiten Jahreshälfte noch keine Konzerte haben“, befürchtet der Opladener Kantor Michael Porr.

  Singen trotz Corona: Die Germania Leichlingen erstellte mit drei anderen Chören ein Mosaik. Jeder Einzelne für sich, und alle wurden zusammengeschnitten.

Singen trotz Corona: Die Germania Leichlingen erstellte mit drei anderen Chören ein Mosaik. Jeder Einzelne für sich, und alle wurden zusammengeschnitten.

Foto: Juliano Suzuki

Wer singt, lebt gesünder. Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten durch wissenschaftliche Studien belegt. Regelmäßiges Singen macht nicht nur Spaß und hebt dadurch die Stimmung, es stärkt durch verbesserte Tief-Atmung Herz und Kreislauf, sowie die Abwehrkräfte. Wissenschaftler der Frankfurter Goethe-Uni haben nach einer Probe des Mozart-Requiems bei Sängern eine verstärkte Ausschüttung von Immunglobulinen A gemessen, die in den Schleimhäuten sitzen und Krankheitserreger bekämpfen. Beim Hören blieb der Wert dagegen unverändert. Doch ausgerechnet jetzt, wo alle Menschen eine Stärkung des Immunsystems besonders gut gebrauchen könnten, wird sehr viel weniger gesungen und eher zugehört.

Wegen der Corona-Pandemie wurde wochenlang das Singen in Gemeinschaft verboten. Weder im Gottesdienst noch in Fußballstadien, bei Rudelsingen, Rockkonzerten oder im Konzertsaal. Auch für sämtliche Chöre wurde Mitte März die Bremse gezogen. Seitdem finden keine Proben mehr statt. Konzerte wurden abgesagt. Das alles geschah aus gutem Grund, denn ausgerechnet bei der an sich so gesunden Tiefatmung werden die beim Singen freigesetzten Aerosole (feinste Tröpfchen) der anderen tief inhaliert. Corona-Viren verbreiten sich auf diese Weise besonders gut. Abschreckende Beispiele einer Covid-19-Verbreitung durch Chorproben in den USA und im Berliner Domchor machten in Chören die Runde. Das möchte keiner erleben.

Diese Verantwortung könne er gar nicht übernehmen, sagt der Opladener Kantor Michael Porr, so sehr er auch bedauert, dass er einen wesentlichen Teil seiner Tätigkeit derzeit nicht ausüben kann. „Chorproben mit 80 Leuten in einem engen Raum, das wird es für lange Zeit nicht geben, und wir werden auch in der zweiten Jahreshälfte noch keine Konzerte haben“, befürchtet Porr.

Aber: „Alle wollen singen.“ Neben der Freude an der Musik, dem Trainieren der eigenen Stimme und deren Einfügen in einen mehrstimmigen Gesamtklang lebt der Chorgesang von der sozialen Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die über Jahre gewachsen ist und sich entwickelt hat. Um diesen Zusammenhalt zu stärken und zugleich etwas Nützliches für „die Zeit danach“ zu lernen, vermittelt die Leichlingerin Pia Gensler ihrem Kirchenchor via Zoom-Schaltung Chöre des Brahms-Requiems, dessen Aufführung (noch) für den Herbst geplant ist. Aber mehr als Tönelernen kann der digitale Behelf nicht bieten. Was fehlt, sind Zusammenklang und Kontrolle. Die „Blue Mountain Singers“ trafen sich auf einem Platz, als dies noch erlaubt war.

„Die Gefahr ist, dass einige Chöre durch die Corona-Krise auf der Strecke bleiben“, sagt Claudia Rübben-Laux, die lange Zeit Landeschorleiterin war, in Gremien sitzt und vertraglich zum 1. April die Leitung des Männerchores Bayer übernahm. Ein stummer Beginn, denn gesehen hat sie ihre Sänger noch nicht. Aber die haben nun ihr wöchentliche Rundschreiben erhalten, das Rübben-Laux an alle ihre Chöre sendet, um der Gefahr des Auseinanderbrechens entgegenzuwirken und die Mitglieder weiter zum Singen zu ermuntern, wenigstens vereinzelt und zu Hause. Auch wenn sie auf diesem Wege nicht alle, vor allem nicht die Älteren, erreichen kann. „Ich schicke jede Woche einen Chorsatz rund“, erklärt sie, „mit Noten, das ist mir wichtig“. Da kann jeder Sänger seine eigene Stimme wählen und mitsingen. Chorproben in gewohnter Form werde es 2020 wohl nicht mehr geben, glaubt auch Rübben-Laux. „Umso wichtiger, dass wir alle kreativ werden.“ Sonst würde unterwegs zu viel verloren gehen.

Für alle, die sich bei der Suche nach Alternativen schwerer tun, wolle der Chorverband eine Ideenliste mit Vorschlägen erarbeiten. „Wenn es wieder geht, könnte man sich ja im Park zum Singen treffen oder vor einem Altenheim.“ Das wäre jedenfalls in kleineren Gruppen denkbar. Kleine Gruppen ist auch der Hoffnungsschimmer für Michael Porr, der besonders seinen 80 Stimmen starken Bachchor schmerzlich vermisst. Wenn es nach weiteren Lockerungen wieder erlaubt sei, könnte er sich Proben mit acht bis zwölf Personen im größten Kirchenraum der Gemeinde (Quettingen) vorstellen, um wenigstens Kontakt und die Stimmen beweglich zu halten.

Viele fragen sich: Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn ihr auf Dauer die urmenschlichste Art der Äußerung genommen wird? Und was ist mit den Kindern, die ohnehin nur in Kitas, Schulen und Musikgruppen singen, weil es in der Familie keiner tut? Konserven-Nahrung hilft in der Not zum Überleben, aber dauerhaft gesund ist nur Frischkost.

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