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Leverkusen: Fassbinder-Werk "Tropfen auf heiße Steine" bei BayerKultur

Leverkusener Regisseur Philipp Arnold : „Tropfen auf heiße Steine“ als zeitlose Parabel inszeniert

Rainer Werner Fassbinders Stück sorgte zu seiner Entstehungszeit für einen Skandal. Schließlich behandelte es das Thema Homosexualität. Nun brachte es der aus Leverkusen stammende Regisseur Philipp Arnold als zeitlose Parabel auf die Bühne des Erholungshauses.

Die Besucher des Erholungshauses suchen noch ihre weit auseinander liegenden Plätze, als auf der Bühne bereits ein Schauspieler zu sehen ist. Nervös zuckend rutscht er auf seinem Stuhl hin und her wie ein Raubtier, das ungeduldig auf seine Beute wartet. Das wird an diesem Tag Franz sein, den Leopold in seine Wohnung abschleppt, nachdem er ihn auf der Straße getroffen hat. Nach einem spröden Gespräch, in dem beide kaum auf die Worte des anderen eingehen, entwickelt sich eine feste Beziehung. Die ist allerdings rein sexueller Art, keine Spur von partnerschaftlicher Achtung auf Augenhöhe.

Rainer Werner Fassbinder hat dieses Theaterstück „Tropfen auf heiße Steine“ im Alter von 19 Jahren geschrieben, also Mitte der 1960er Jahre, als Homosexualität noch unter Strafe stand. Es ist bis zu dessen Tod 1982 nie aufgeführt worden. Dieses Skandal-Potenzial hat der Stoff 26 Jahre nach Abschaffung des besagten Paragrafen 175 nicht mehr. Sehr wohl aber provozieren die Dialoge dieses grellen Stücks, in dem es um eine hetero- und transsexuelle Beziehung nicht besser bestellt ist. Was bleibt nach der sexuellen Befreiung ist die kalte, narzistische Unmenschlichkeit. Die hat Regisseur Philipp Arnold in seiner Inszenierung besonders hervorgehoben. Er präsentiert das Kammerspiel in einer schwarzen Box, einer Art Guckkasten, in dem die Schauspieler  – Daniel Hoevels und Bernd Moss in den Hauptrollen sowie Franziska Machens und Natali Seelig  – wie Puppen agieren. Mit der Reduzierung auf Schwarz und Weiß vermeidet er jegliche Farbe und setzt seine Interpretation schon rein äußerlich von der 2000 erschienenen munter-verwegenen Verfilmung des Stoffes von Francois Ozons (2000) ab. Einzige Ausnahme in der Bühnenbox ist die rote Spieleschachtel: Mensch ärgere dich nicht.

Die holzschnittartige Inszenierung, die der aus Leverkusen stammende Regisseur vor drei Jahren am Deutschen Theater Berlin herausbrachte, vermeidet jeglichen Hinweis auf eine bestimmte Zeit. Sie konzentriert sich  – grotesk überzeichnet  – ganz puristisch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, weniger auf die gesellschaftlichen Erwartungen. Fassbinders Stück weist auf die Grenzen der sexuelle Freiheit hin. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie in diesem Spiel für puren Egoismus steht. Und da kann es am Ende nur Verlierer geben. Alle Lebensentwürfe sind gescheitert  – an mangelnder Zuneigung und fehlender Empathie. Philipp Arnold präsentiert das Stück als zeitlos geltende Parabel.

Die Vorstellung in seiner Heimatstadt war für Mitte März geplant, dann kam der Lockdown. Der Nachhol-Termin bei Bayer Kultur sah dann ganz anders aus. Die Karteninhaber mussten sich am Sonntag auf zwei Vorstellungen verteilen, mit großen Lücken zwischen den Stuhlreihen und schwarz verhüllten Plätzen zwischen den Zuschauern. Aber diese merkwürdige Corona-Distanz passte irgendwie zur bedrückenden Stimmung.