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Leverkusen Ein Erste-Hilfe-Training für Gehörslose

Retter rufen per App : Ein Erste-Hilfe-Training für Gehörslose

Wer schlecht hört, kann mit einem Verletzten kaum kommunizieren. Hilfe leisten ist dennoch möglich, wie ein spezieller Kurs am Wochenende zeigte. Er war eine Premiere in Leverkusen und zeigt eine Marktlücke in Deutschland.

Wenn sich Stefanie Schmidt verbal mit ihrem Gegenüber unterhalten will, muss dieser dringend die Maske abziehen. Auf beeindruckende Art liest die gehörlose Frau die Lippen ihres Gegenübers. Ein Hörgerät hilft ihr außerdem. Die 37-Jährige hält für Hörende und Gehörlose Erste-Hilfe-Kurse ab. Am Samstag fand der erste seiner Art in Leverkusen statt – ein Novum in Deutschland.

In Windeseile vermittelte Schmidt die
wichtigen Informationen für ihre Zuschauer. Sieben Teilnehmer waren zu einem der wenigen Erste-Hilfe-Kurse in Deutschland gekommen, die ausschließlich für Gehörlose abgehalten werden. Das Unternehmen Med1plus, das im Innovationspark ansässig ist, zeigte sich verantwortlich. In zehn Jahren führte es laut Geschäftsführer Lothar Havenstein rund 800 Kurse durch – seit einem Jahr gebe es zudem eine Variante ausschließlich für Gehörlose.

Die hatten sich bisweilen meist einem normalen Erste-Hilfe-Kurs anschließen müssen, bei dem ein Dolmetscher ihnen die Informationen übersetzte und vermittelte. Dabei blieben wichtige Informationen oft auf der Strecke. „Man kann die Sachen nicht 1:1 übersetzen“, erläuterte Havenstein, „das ist wie in jeder Sprache.“

So blieb die Hemmschwelle relativ groß, sich als gehörloser Mensch in einen solchen Kurs zu begeben, wusste Teilnehmer Michael Eymann zu berichten. Er nahm bereits an beiden Kursarten teil, kann die jeweiligen Kurse miteinander verglichen.

„Hier bekomme ich 100 Prozent mit, kann Fragen stellen“, erklärte er in Gebärdensprache. Dozentin Schmidt übersetzte. Ihr ist es möglich, nach langem Training in der Kindheit, einfache Sätze in verbaler Sprache wiederzugeben. Er wolle den Motorradführerschein machen, berichtete Eymann.

Wie schnell Personen in die Lage kommen, erste Hilfe leisten zu müssen, zeigt eine Erinnerung des 39-Jährigen. Auf der Autobahn beobachteten er und ein Freund einen Unfall. „Zum Glück“, sagte er, „waren dort noch viele andere Zeugen.“ Mehr noch als viele Menschen mit Gehör, haben Gehörlose Angst, bei ihrer Hilfe etwas falsch zu machen, betonte Schmidt. Ob der Sprachbarriere ist eine Verständigung mit dem Verletzten schließlich kaum möglich. Und doch mahnt sie an: „Man kann immer helfen.“

Um ihresgleichen die Angst vor dem Helfen in einer Notsituation zu nehmen, sollen die Kurse speziell für Gehörlose nun regelmäßig erfolgen. Insgesamt neun Einheiten und etwas über sieben Stunden müssen Teilnehmer dafür einplanen. Welch großer Mangel an dem Spezialunterricht herrscht, zeigt, dass Zuschauer unter anderem aus Oberhausen und Duisburg nach Leverkusen anreisten.