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Leverkusen: Die wiedereröffneten Jugendhäuser und ihr neuer Alltag.

Jugendhäuser : Begegnungen ohne Kicken und Raufen

Die Leverkusener Jugendhäuser sind wieder geöffnet, doch haben sich Abläufe und Programm nach der Corona-Pause verändert. Jugendliche und Betreuer müssen sich erst an den neuen Alltag gewöhnen.

Jugendhäuser erfüllen abgesehen von ihren vielfältigen Freizeit-, Kultur-, und Bildungsangeboten eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Sie helfen Heranwachsenden da, wo die Verantwortung der Schulen aufhört, manche Eltern aber nicht helfen wollen oder können – bei persönlichen Problemen oder Hausaufgaben. Und Sie bieten den Kindern und Jugendlichen eine Gemeinschaft, einen Ort, an dem sie willkommen sind, wenn es zu Hause gerade nicht so gut läuft.

Während des Corona-Lockdowns gab es diese Zuflucht nicht. Sechseinhalb Prozent aller Kinder in Deutschland wurden einer aktuellen Studie der TU München zufolge in dieser Zeit Opfer körperlicher Gewalt. Bei Familien mit finanziellen Sorgen oder Kindern unter zehn Jahren waren es gar fast zehn Prozent.

Umso wichtiger erscheint es, dass seit dem 25. Mai die Jugendhäuser in Leverkusen wieder schrittweise öffnen. „Wir als Mitarbeitende der Einrichtung sind wichtige Bezugspersonen“, bestätigt Caroline Wilk, Leiterin des Jugendhauses Lindenhof in Manfort und sagt: „Gerade die Jugendlichen haben erhöhten Mitteilungsbedarf. Sie freuen sich, wieder mit jemanden zu kommunizieren und Gedanken und Emotionen teilen zu können.“ Auch Nora Brezina, die Leiterin des Jugend- und Bürgerhauses Schöne Aussicht in Lützenkirchen nimmt wahr, dass das Bedürfnis der Kinder, mit den Betreuern zu reden, groß ist. „Sie erzählen uns, wie sie die vergangenen Wochen erlebt haben und dass sie froh sind, wieder hier sein zu dürfen.“ Auch wenn nun natürlich alles anders ist.

Bereits seit dem 18. Mai hatte die Landesregierung die Wiedereröffnung gestattet, doch die Einrichtungen mussten zunächst Hygienekonzepte aufstellen und mit der Stadt abstimmen. Zur Aufklärung haben die Jugendhäuser Material zu den neuen Regeln zusammengestellt, verständlich aufbereitet für Kinder und Eltern.

Der Betrieb kann derzeit nur eingeschränkt stattfinden und bringt einige Hürden in der täglichen Arbeit mit sich. Der Mund-Nasen-Schutz ist für alle Jugendlichen wie Mitarbeiter obligatorisch und muss selbst mitgebracht werden. „Das ist Umgang mit den Kindern schon teilweise befremdlich, da muss man sich erst dran gewöhnen“, betont Brezina.

Zudem beschränken Abstandsgebote die Besucherzahl. Der Lindenhof, den gewöhnlich täglich bis zu 70 Personen besuchen, bietet derzeit jeweils in drei Schichten einen Bastel-, Spiele-, sowie Hausaufgaben-Tag für dreimal fünf Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren an. Für zweimal zehn Jugendlichen ab zwölf Jahren gibt es donnerstags und freitags einen Hausaufgaben- und einen Spiele-Tag. Im Jugendhaus Schöne Aussicht, in dem an manchen Tagen bis zu 30 Kinder zu Besuch sind, können derzeit ebenfalls nur zehn für zwei Stunden betreut werden. Die neuen Abläufe binden Personal. „Sie müssen sie eins zu eins begleiten, wegen der Regeln immer nach ihnen gucken“, erklärt Brezina. Wenn der neue Alltag aber verinnerlicht sei, könne man sich vorstellen, auch wieder mehr Kinder zuzulassen. Im Lindenhof überlegt man sich gerade Lösungen, wie mehr Hilfe bei den Hausaufgaben zu leisten wäre, die Nachfrage sei enorm.

„Ein normaler Alltag mit seinem offenen Charakter ist leider nicht möglich“, sagt Wilk. Beschäftigungen wie das beliebte Fußballspielen und andere Kontaktspiele müssen derzeit ausfallen. „Sich auf der Matte raufen oder ausgelassen bewegen – das geht nicht“, sagt Brezina. Aber der Bewegungsdrang, der sich über die vergangenen Wochen angestaubt habe, müsse natürlich raus. Das gehe auch bei Badminton oder dem interaktiven Tanzen über die Playstation. „So ein gelenkter Ablauf ist für die Kinder eine neue Situation“, sagt die Leiterin. Sie erlebe sie aber auch sehr verantwortungsbewusst, in den ersten Tagen fast vorsichtig und bescheinigt ihnen, sich „vorbildlicher zu verhalten, als mancher Erwachsener, den man im Supermarkt trifft“.

In der Praxis problematisch könnten die verpflichtenden Anmeldelisten werden. Zwar müssen persönliche Daten in der Schönen Aussicht nur beim ersten Mal festgehalten werden, danach wird nur die Anwesenheit bestätigt, und im Lindenhof erfolgt die Anmeldung zumindest bei den Jugendlichen unkompliziert via Instagram (die Daten werden mit dem Schülerausweis abgeglichen). Jedoch bedarf es bei einer Erhebung von Daten Minderjähriger unter 16 Jahren einer Einverständniserklärung der Eltern. „Ich habe die Sorge, dass von den Kindern aus schwierigen Familien, die es in unserem Einzugsgebiet gibt, einige deshalb nicht kommen können“, sagt Brezina. Für diejenigen, die dringend persönlichen Beistand brauchen, sei man aber über Instagram oder auch für ein persönliches Gespräch vor Ort erreichbar.