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Leverkusen: Corona drängt Außenseiter an den Rand

Krise erschwert die Hilfe : Corona drängt Außenseiter weiter an den Rand

Die Krise erschwert die Arbeit von Helfern bei Armut, Sucht und Obdachlosigkeit. Zunehmende Isolation macht Menschen psychisch krank. Bürgerstiftung spendet für Leverkusener Projekte.

Die Coronakrise lähmt nicht nur die Wirtschaft, sie wirkt sich ebenso massiv auf das Sozialwesen aus. Die Arbeit von staatlichen und ehrenamtlichen Helfern, wird zunehmend schwieriger, insbesondere bei der Betreuung von Armen, Suchtkranken und Obdachlosen. Die Folge: Corona drängt Außenseiter noch weiter an den Rand der Gesellschaft. Das wurde am Mittwoch bei einem Pressetermin der Bürgerstiftung deutlich.

„Corona tut den Menschen nicht gut, weil ihnen soziale Kontakte fehlen“, berichtet Stefanie Strieder von der Notschlafstelle der Caritas über ihre Klientel. Wegen der Corona-Vorbeugung hätten teilweise Suppenküchen geschlossen werden müssen, ebenso wie als Begegnungsräume genutzte Gemeindesäle. Auch in den betreuten  Wohngruppen der Caritas, in denen viele psyschisch kranke sowie suchtkranke Bewohner leben, habe sich die Einschränkung von organisierten sozialen Kontakten bemerkbar gemacht. Der Gesundheitszustand mancher Bewohner habe sich verschlechtert, in Einzelfällen seien sogar Klinikeinweisungen nötig gewesen. Der Notschlafstelle sei es aber gelungen, einen 24-Stunden-Betrieb aufrecht zu erhalten.  Wegen der Schutzvorschriften hätten Gruppen- in Einzelzimmer umgewandelt werden müssen. Leere Flüchtlingsunterkünfte wurden genutzt, eine zweite Notschlafstelle eingerichtet. Derzeit hält die  Caritas bis zu 70 Schlafplätze vor. „Wir weisen niemanden ab“, sagt   Strieder. „Wer eine Schlafstelle will, bekommt auch eine.“

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Dass es nicht wenige Wohnungslose gibt, die bewusst auf einen Schlafplatz verzichten, berichtet Deniz Palabiyikli vom privaten Hilfsverein „Kältegang Leverkusen“, der bis zu 70 Obdachlose, Drogenanhängige und Mittellose versorgt und betreut. Häufig seien diese Menschen psychisch krank. So nennt sie beispielhaft den Fall eines Mannes, der bis zu seinem 18. Lebensjahr von seiner Mutter eingesperrt wurde und seither nicht mehr in einem geschlossenen Raum nächtigen kann. Andere sagten erst gar nicht, warum sie Hilfe ablehnten. „Es dauert mitunter lange, bis sie sich öffnen“, sagt  Palabiyikli.

Weil wegen der Coronagefahr Helfer sich aus Angst vor Ansteckung zurückgezogen hatten, hatte die Leverkusener Tafel vorübergehend die Ausgabe von Lebensmitteln eingestellt. Seit vier Wochen fährt sie aber das Angebot wieder hoch. Drei von stadtweit sieben  Ausgabestellen sind wieder geöffnet. Nun wollen Vorsitzender Adolf Staffe und seine mehr als 200 Mitstreiter versuchen, das alte Level wieder zu erreichen. 7600 Stadtbürger hatte die Tafel in ihren Hochzeiten versorgt,  bis zu 90 Tonnen Lebensmittelspenden wurden monatlich an Berechtigte ausgegeben.

Dass die unfreiwillige Isolation von Familien durch Corona den inneren Druck auf sie erhöht hat, berichtet Christine Meinekat von der Frauenberatungsstelle. Zwischen Mitte März und Ende April haben sie und ihr Team 133 ratsuchende Frauen telefonisch beraten, in 65 Fällen ging es um häusliche Gewalt. Die Frauen und ihre gewalttätigen Männer kämen aus allen gesellschaftlichen  Schichten. „Es geht um Macht und Kontrolle“, sagt Meinekat. Homeoffice, fehlende Ablenkungen, sowie  schul- und kitafreie Zeit der Kinder hätten das Konfliktpotenzial innerhalb der Familien erhöht.  Kommt es zur Eskalation bis hin zur offenen Gewalt, dauere es mitunter länger, bis Frauen einen Weg aus dieser Gewaltspirale fänden. Meinekat ist realistisch: „Wenn von zehn Frauen, die zu uns kommen,  eine diesen Weg schafft, ist es ein Erfolg.“