Leverkusen: Besuch beim Großstadtbauer - Hier wird noch gemolken

Kein Bauer melkt mehr in Köln : Der Großstadtbauer in Leverkusen

Leverkusen: Ein Milchbauer aus der Großstadt

Wiesen, Weiden und Felder sind in einer Großstadt nicht selten. Doch nur noch wenige Bauern halten Milchkühe. Klaus Wieden ist einer dieser Großstadt-Bauern in NRW. Unsere Autorin hat ihn in Leverkusen besucht.

Wiesen, Weiden und Felder sind in einer Großstadt nicht selten. Doch nur noch wenige Bauern halten Milchkühe. Unsere Autorin hat sich kundig gemacht, wie es in den Großstädten in NRW aussieht.

Im Kuhstall in Leverkusen-Imbach ist es ruhig. 200 Kühe liegen am Nachmittag kauend in ihren Boxen oder schauen neugierig auf Bauer Klaus Wieden. Der Landwirt hat den Tieren für ein paar Stunden den Auslauf verwehrt: "Es hat so stark geregnet, dass die Kühe auf der nassen Weide das Gras zertrampeln würden", sagt er. Doch den Tieren ist das egal. Inzwischen sind sie aufgestanden und bewegen sich langsam zum Tor. Sie wollen am liebsten raus. Der 55-Jährige überlegt einen kurzen Moment, doch das Gedeihen des Grünfutters ist ihm am Ende wichtiger. Er verlässt den Kuhstall, und die Herde wartet weiter geduldig auf das Melken.

Die Szene ist alltäglich auf Wiedens Bauernhof. Doch viele Nachbarhöfe haben aufgegeben. Klaus Wieden ist einer von fünf verbliebenen Milchviehhaltern in Leverkusen. Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer, findet dafür deutliche Worte: "2010 gab es noch doppelt so viele Milchviehbetriebe in der Stadt, das zeigt den rasanten Strukturwandel."

In Düsseldorf kennt die städtische Pressestelle nur einen einzigen Bauernhof, der noch Milchkühe hält - Bauer Bergmeister in Himmelgeist. In Köln werden gar keine Kühe mehr gemolken. Die Stadt Köln bestätigt: "Der letzte Milchbauer hat vor etwa fünf Jahren aufgehört." Aktuell überlege ein Landwirt, ob er in geringer Menge Milch ab Hof verkaufen kann. Und rheinabwärts in Bonn gibt es nur noch einen Landwirt, der 140 Kühe hält, wie die städtische Pressestelle mitteilt.

In Leverkusen sieht das derzeit noch anders aus. Weitere Milchviehbetriebe sind die von Jan Bakker in Pattscheid und Andrea Urbahn in Bergisch Neukirchen. "Man muss schon Idealist sein, wenn man heute noch einen Betrieb weiterführen möchte", sagt Urbahn. In Neuboddenberg hält Familie Paas 16 Milchkühe und die Nachzucht als Nebenerwerb. Bauern wie Christian Schneider in Hirzenberg haben von Milchproduktion auf Fleischproduktion umgestellt. Doch auch das Geschäft lohnt sich kaum noch, erklärt Schneider: "Wir werden jetzt einen weiteren Stall für Pferde nutzen."

Im Kälberstall zeigt Anne Wieden, wie klein eine Milchkuh ist, wenn sie zur Welt kommt. Zwei Kühe haben Zwillingskälber geboren. Die vier Jüngsten auf dem Hof liegen noch etwas müde in ihren Boxen auf Stroh und sind gerade mal so groß wie Hofhund Lena. Die 26 Jahre alte Jungbäuerin sagt: "Gerade bei den Kälbern gibt es viel Handarbeit." Am Abend ist sie allein verantwortlich für die Kühe, die Kälber und die Geburten. Und sie liebt ihren Beruf. Sie fährt gerne Trecker und freut sich jeden Morgen, wenn sie durch den Stall geht und die Kühe fit und gesund am Futtertrog stehen und sich streicheln lassen.

Die Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland hat sich laut dem Milchindustrieverband zwischen 2000 und 2017 halbiert. Demnach gibt es in Deutschland 4,2 Millionen Milchkühe und 67.319 Milcherzeugerbetriebe. Dabei geben Kühe deutlich mehr Milch, als noch etwa in den 1980er Jahren. Die Milchleistung ist laut Verband zwischen 1984 und 2017 von durchschnittlich 4607 Kilogramm je Kuh auf mittlerweile 7700 Kilogramm gestiegen.

Anne Wieden kennt solche Zahlen. Sie weiß auch, wie sie die Qualität der Milch durch die optimale Mischung des Futters erhöhen kann. Die Jungbäuerin studiert Landwirtschaft in Bonn. Sie sagt: "Wir erklären den Besuchern auf unserem Hof gerne, was wir machen und warum wir etwas tun." Auch ihr Vater Klaus sagt: "Wir haben ja einen offenen Hof ohne Tor." Es ist ihm wichtig, dass Besucher den Kuhstall betreten können. Wer zum Hofladen fährt, wirft ganz automatisch einen Blick in den Stall.

Etwa 5000 Liter Milch werden auf Wiedens Hof jeden Tag gemolken. Alle zwei Tage kommt das Kühlfahrzeug der Molkerei Arla und fährt die Milch zur Molkerei nach Pronsfeld in der Eifel. Wieden hat den Handel mit der Milch dann nicht mehr in der Hand: "Wir sind auf das Geschick des Verkäufers angewiesen", erklärt er.

Die Molkerei handelt die Preise mit dem Lebensmitteleinzelhandel aus. Was der Bauer von den aktuellen Milchpreisen hält? Er hält sich zurück, doch höher könnten sie nach seiner Auffassung sicherlich sein. Eine andere Molkerei würde vielleicht mehr zahlen, doch mit langen Vertragslaufzeiten und Aufnahmestopp in einer Genossenschaft habe er als Landwirt praktisch keinen Handlungsspielraum.

Wieden kann neben dem Milchpreis noch einige Boni bekommen, etwa für die Weidehaltung. Dafür wird verlangt, dass die Kühe mindestens 120 Tage im Jahr für mindestens sechs Stunden am Stück auf der Weide stehen. In Leverkusen ist das kein Problem. Seit Mitte April dürfen die Kühe raus.

Im Hofladen verkauft Familie Wieden nicht nur Milch. Zum Sortiment gehören auch Gemüse, Kartoffeln und Fleisch. Ganz anders ist der Weg, den die Milch in der Molkerei nimmt. Wie Arla mitteilt, werden aus der Milch aus Imbach vor allem haltbare Milchprodukte - wie Milchpulver - für Deutschland und den Export hergestellt.

Das "Mischstreichfett Kærgården" findet in kleinen Mengen auch den Weg in Leverkusens Supermärkte. Mit der Molkereikennung "RP 247" kommt es aus Pronsfeld und enthält vielleicht auch Milch aus Leverkusen. Rund 460 Landwirte aus der Region sind Mitglieder der Genossenschaft, die ihren Konzernumsatz im Jahr 2017 um 8,1 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro steigern konnte.

Andere Höfe halten Fleischrinder in sogenannter Ammenhaltung. Die Kälber stehen dann bei den Muttertieren auf der Weide. Wieden selbst hat sich vor einigen Jahren mit einem Nachbarbauern zu einer Kommanditgesellschaft (KG) zusammengeschlossen. Nun nutzt er die Weiden in Leichlingen für seine Rinder. Bis aus einem Kalb eine Milchkuh geworden ist, dauert es etwa zwei Jahre. Nach der Geburt eines Kalbes gibt die Kuh für etwa 300 Tage Milch - und ist dann schon längst wieder tragend.

Wie lange wird in Leverkusen noch Milch gemolken? Anne Wieden kann diese Frage nicht beantworten. Sie glaubt schon, dass es auch in Zukunft noch Milchviehbetriebe geben wird. Und damit das auch so bleibt, lässt sie jeden Besucher gerne von der Milch probieren. Ein Liter kostet im Hofladen 80 Cent.

(woa)
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