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Leverkusen Bergisch Neukirchen: Mündungsort der Obstwege

Serie Stadtteilrunde : Neukirchen: Mündungsort der Obstwege

Leverkusens Norden ist noch immer ländlich und beschaulich. Die gebürtige Neukirchenerin Mona Weber führt für die RP durch den Ort. Unter anderem zu einer Fabrikantenvilla, die bis vor einigen Jahren den Fußball-Weltmeister von 1990 und heutigen Bayer-04-Funktionär Rudi Völler beherbergte.

Der Ortsteil wurde im neunten Jahrhundert als Neukirchen gegründet und 1857 umbenannt, als die Ansiedlung zur Stadt erhoben wurde. Bergisch Neukirchen, heute der nördlichste Stadtteil Leverkusens, hat eine Fläche von 796 Hektar. Wenn von Leverkusen die Rede ist, denkt man zuerst an Bayer, Chemie oder Fußball. Aber kaum an grüne Wiesen, lichte Wälder und gluckernde Quellen. Mona Weber, geboren und aufgewachsen in Bergisch Neukirchen, weiß es besser.

In der Gegend gibt es einiges, das nicht nur mit seiner Schönheit punkten kann, sondern auch mit seiner Berühmtheit. So zum Beispiel war der zu Neukirchen gehörende Ortsteil Imbach früher bis nach England für seine Birnbäume populär. Oder Richard Tillmanns. Der Nachkomme der alteingesessenen Neukirchener Unternehmerfamilie sorgte im russischen Zarenreich für Furore, wo er Produkte nach Muster der großväterlichen Kleineisenfabrik in Neucronenberg herstellte.

Aktuell gibt es noch weitere lokale Besonderheiten: Der 2014 als „Balkantrasse“ ausgebaute Rad- und Wanderweg führt durch den Bezirk. Das Ölbachtal steht wegen seiner charakteristischen Biotoptypen mitsamt der alten Obstwiesen unter Naturschutz. In Atzlenbach mündet einer von insgesamt drei deutschen „Obstwegen“ an der Straße Im Rosengarten. In der Ortschaft Grund entspringt die „Grunder Quelle“, die wiederum den Öl- und Wiembach speist. In Pattscheid steht das älteste Fachwerkhaus aus dem Jahr 1561. Die typische Farbkombination der Häuser mit den grünen Fensterläden, den schwarzen Balken und den weißen Wänden wird als „Bergischer Dreiklang“ bezeichnet. Weitere der insgesamt 120 denkmalgeschützten Häuser, die so charakteristisch für diesen ländlichen Bereich sind, verteilen sich auf die Dörfer Biesenbach, Hüscheid, Neuenkamp, Linde, Pattscheid und Romberg, die sich entlang der rund fünf Kilometer langen und vielbefahrenen Burscheider Straße aneinanderreihen.

Die evangelische Kirche, ab 1781 im bergischen Barockstil erbaut, gilt als Wahrzeichen von Bergisch Neukirchen. Foto: Matzerath, Ralph (rm)/Matzerath, Ralph (rm-)

Unseren Rundgang starten wir in Nähe des Dorfkerns an der alten Tillmannschen Villa. Die weitverzweigte Industriellen-Familie besaß im Ort mehrere Häuser. Eines von ihnen, eine stattliche Fabrikantenvilla, steht ganz in der Nähe, in „Tillmanns Loch“, und beherbergte bis vor einigen Jahren den Fußball-Weltmeister von 1990 und heutigen Bayer-04-Funktionär Rudi Völler. In unmittelbarer Nachbarschaft an der Burscheider Straße ließ Max Tillmanns, einer von elf Enkeln des Fabrikanten Johann Isaak Tillmanns, im Jahr 1910 einen etwa 6000 Quadratmeter großen Park mit ungewöhnlichen Gehölzen anlegen. Seit 1988 ist das Areal im Besitz der Stadt und wurde 2009 gründlich saniert. Auf dem evangelischen Friedhof gegenüber ist die Grabstätte der Tillmanns unter Denkmalschutz gestellt.

Die evangelische Kirche – ab 1781 im bergischen Barockstil erbaut – gilt als Wahrzeichen des Stadtviertels. Seit 1582 bekannte sich der Ort zum protestantischen Glauben. Die ehemalige „Gaststätte zur Post“, Burscheider Straße 78, galt früher als Treffpunkt von Neukirchen. In einem kleinen Saal des Obergeschosses gründete sich 1946 die Volksbühne Bergisch Neukirchen und hatte dort ihre erste Aufführung. Viele Mitwirkende aus den Anfängen des populären Amateurtheaters sind dem Verein bis heute treugeblieben. Einige „alte Bühnenhasen“ blicken sogar auf mehr als 500 Aufführungen zurück.

Im Kreuzungsbereich hinter der Kirche findet sich eine kleine Ansammlung von Geschäften, darunter Bäckerei, Nagelstudio und Friseur, vor allem aber das Schreibwarengeschäft mit Post-Zweigstelle von „Frau Schulz“, das jedes Kind in Bergisch Neukirchen kennt, weil es bei ihr „süße Tüten“ zu kaufen gibt. Der kleine Laden funktioniert zugleich als Nachrichtenbörse und Marktplatz. Weiter geht’s in einen Hinterhof mit der einstigen, unter Denkmalschutz gestellten Apfelkrautfabrik, in der Wirtz & Söhne ab 1815 Früchte verarbeiteten und konservierten. „Neukirchen ist immer noch sehr ländlich und überschaubar“, sagt Mona Weber kurz vor Verlassen des Ortskerns. „Das Leben hier konzentriert sich überwiegend auf Neukirchener Vereine und Gemeinden. Wer in die Stadt möchte, fährt nach Opladen.“

Unter Denkmalschutz: die alte Krautfabrik. Foto: Matzerath, Ralph (rm)/Matzerath, Ralph (rm-)

Keine Regel ohne Ausnahme: im alten Rathaus, Burscheider Straße 178, ist immer was los. Bis vor Jahren war in dem städtischen Gebäude eine Schule untergebracht, die Mona Weber ebenfalls noch besucht hat. Für einige Jahre wurde das Haus als Rathaus genutzt. Inzwischen unterhält das DRK als Hauptmieter darin eine Seniorenbegegnungsstätte, außerdem proben der Shantychor und die Volksbühne in den 1953 renovierten Räumen.