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Nach Wallraff-Bericht: Lebenshilfe-Werkstatt in Leverkusen steht nun unter Polizeischutz

Nach Wallraff-Bericht : Lebenshilfe-Werkstatt in Leverkusen steht nun unter Polizeischutz

Ein Fernsehbericht zeigt, wie eine junge Frau in einer Behindertenwerkstatt in Leverkusen schikaniert wird. Nun haben ihre Eltern sie aus der Einrichtung genommen. Die Mitarbeiter der Werkstatt werden angefeindet.

Im Internet tobt gegen die Mitarbeiter der Lebenshilfe-Werkstatt Leverkusen seit den Enthüllungen der RTL-Sendung "Team Wallraff" ein Shitstorm. Die Angestellten werden bedroht und beleidigt, nun wird die Werkstatt zeitweise von der Polizei geschützt. "Wenn wir am Nachmittag Dienstschluss haben, stehen Polizisten vor der Tür, um auf unsere Mitarbeiter aufzupassen", berichtet Harald Mohr, der Geschäftsführer der Lebenshilfe Leverkusen.

In der Sendung waren Szenen gezeigt worden, in denen zwei Mitarbeiter eine behinderte junge Frau schikanierten. Am Dienstag setzte die Lebenshilfe die beiden vor die Tür. "Mir tut das alles entsetzlich leid, ich kann mich für das Fehlverhalten der Mitarbeiter nur auf das Äußerste entschuldigen", sagt Mohr. In der Einrichtung läuft die Aufarbeitung des Geschehenen. Seit Mittwoch ermittelt ein Organisationsberater vor Ort, wie es zu den Vorfällen kommen konnte. Mohr bekräftigt, er hätte die Mitarbeiter schon früher freigestellt, hätte die Einrichtung von den Vorfällen gewusst. Er bestätigt, dass es bereits 2016 ein Gespräch zwischen den Eltern der jungen Dame, seinem Werkstattleiter sowie den betroffenen Mitarbeitern gegeben habe, über dessen genauen Inhalt er jedoch nicht informiert worden sei. "Aber es gab keinen Anlass für uns, die Mitarbeiter zu feuern", sagt Mohr. Es habe regelmäßige Kontrollen gegeben. "Der Soziale Dienst geht regelmäßig und unangekündigt in die Gruppen." Die Prüfungen seien unauffällig gewesen.

Vater der Betroffenen von Lebenshilfe enttäuscht

Die Eltern haben die junge Frau indes vorerst aus der Einrichtung genommen. Bis zur Klärung des Vorfalls soll ihre Tochter nichts mehr mit der Werkstatt in Bürrig zu tun haben, erklärten sie unserer Redaktion. Der Vater der jungen Frau ist über das Vorgehen der Lebenshilfe enttäuscht. "Nach der Berichterstattung habe ich die Verantwortlichen am Dienstagmorgen unverzüglich angewiesen sicherzustellen, dass die Betreuer nicht mehr mit meiner Tochter in Kontakt kommen", sagt er. Die nun freigestellte Mitarbeiterin, die seine Tochter schikaniert haben soll, war am Dienstag normal zur Arbeit erschienen und in die Gruppe gegangen. Später meldete sie sich krank. Zum Entschluss der Eltern sagt Mohr: "Ich habe diese Nachricht bestürzt aufgenommen." Am Dienstag hatte er es als Vertrauensbeweis gewertet, dass die schikanierte Frau trotz der Fernsehszenen zur Arbeit gekommen war. Er habe aber Verständnis für die Entscheidung der Eltern.

Mohr ärgert sich weiter über den Sender RTL, der der Lebenshilfe nicht unverzüglich alle Informationen zu dem Fall mitgeteilt habe. "Hätte ich die Aufnahmen gezeigt, hätte ich nicht weiter recherchieren können, weil meine Tarnung in der Lebenshilfe aufgeflogen wäre", rechtfertigt sich RTL-Reporterin Caro Lobig, die – als Praktikantin getarnt – heimlich gefilmt hatte. Sie hatte in weiteren Einrichtungen Missstände aufgedeckt. Man habe sich daher dazu entschieden, die Familie zu informieren.

Der Eltern- und Angehörigenbeirat der Lebenshilfe steht trotz der Vorwürfe zur Einrichtungsleitung. "Wir vertrauen darauf, dass nach gründlicher und vollständiger Klärung die notwendigen Konsequenzen gezogen werden", sagt Michael Rösgen vom Beirat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Misshandlungsvorwürfe gegen Lebenshilfe