1. NRW
  2. Städte
  3. Leverkusen

Kolonie-Museum in Leverkusen zeigt Wohnen wie vor 100 Jahren

Kolonie-Museum : Wohnen wie vor 100 Jahren

Eine Zeitreise im Kolonie-Museum an der Nobelstraße zeigt den Alltag einer längst vergangenen Epoche in der Stadt.

Wer dieses Haus betritt, der besteigt eine Zeitmaschine und wird zurückversetzt in die  Zeit zwischen Jahrhundertwende und 1930er Jahre. Eine längst vergangene Epoche, in der es noch keine elektrischen Küchenhelfer, Staubsauger, Fernseher, geschweige denn Computer oder Handys gab. Dafür gab es andere Dinge, bei denen die Älteren unter uns mit einem Lächeln nicken, weil sie es noch aus Erzählungen der Eltern oder Großeltern kennen.

Die Badetage etwa, als die komplette Familie nacheinander in eine mit auf dem Ofen erhitzten Wasser gefüllte Zinkwanne stiegt. Die jüngeren Besucher hingegen staunen ungläubig, wenn sie den Henkelmann sehen, mit dem die Tochter dem Vater das warme Essen ans Werkstor brachte, das Einmachglas oder die Lockenschere, die auf dem Herd erwärmt das Haar formte. Doch der Reihe nach.

Das stille Örtchen weist immerhin auch die Möglichkeit zur Lektüre auf. Foto: Bernd Bussang

Auf unserer kleinen Zeitreise führt uns Elke Kersten vom Freundes- und Förderkreis durch die Räume des alten Werkshauses an der Nobelstraße 78/82. Die neue Zeitrechnung für das heutige Leverkusen beginnt 1899, als Carl Duisberg das Bayerwerk von Wuppertal nach Wiesdorf verlegt. „Es war damals noch ein Bauern- und Fischerdorf und brauchte eine Infrastuktur“, sagt Kersten. „Das war schwer.“ Neue Wohnhäuser entstanden, für die Direktoren und Ingenieure ebenso wie für die einfachen Arbeiter. Der Grundstein für die sogenannten Kolonien war gelegt.

Kolonie-Museum, Tabak hängt zum Trocknen in der Dachkammer. Foto: Bernd Bussang

Das Musterhaus an der Nobelstraße entstand 1904 und ist heute ein Museum. 1905 zog dort die Familie Theodor und Eliese Feuser ein, die im Lauf der vielen Jahre acht Kinder und neun Enkelkinder bekommen sollte. Theodor war gelernter Färber im Wuppertaler Bayer-Werk, bevor er an der Lunge erkrankte und in Wiesdorf einen neuen Job als Pförtner im Bayer-Kasino erhielt. Besondere Kenntnisse: Er sprach ein paar Worte Englisch. Eliese war Bandweberin und verkaufte Bänder und Spitzen an Haustüren. Womöglich solche, die heute im Schlafzimmer hängen. Darunter einige „Aussteuerbändchen“ – Spitzenware, mit der etwa die Handtücher fein säuberlich gebügelt und gestärkt, in Sets zusammengebunden und in der „Aussteuertruhe“ versenkt, bis sie endlich gebraucht wurden.

Vonwegen Fernseher, Computer, Tablet und  Handy: Das Kinderzimmer im Kolonie-Museum ist schlicht, aber praktisch eingerichtet. Foto: Bernd Bussang

Möbel und Ausstattung des Kolonie-Museums sind Sammelstücke, Spenden, die der Freundes- und Förderkreis fleißig zusammengetragen und für die Dauerausstellung sachkundig und liebevoll arrangiert hat.

In der im englischen Gartenstil angelegten alten Bayer-Kolonie ist auch das Kolonie-Museum untergebracht. Foto: Bernd Bussang

In der Küche etwa, wo der Herd viel mehr war als eine Kochgelegenheit. „In vielen Arbeiterhaushalten war es die einzige Heizquelle“, sagt Elke Kersten. Auf ihm wurde das Bügeleisen erhitzt, an seinen Eisenbügeln wurden Handtücher getrocknet. Der fest auf der Herdplatte montierte Topf, das „Schiffchen“ wurde als Wasserkocher verwendet.

In der guten Stube zeugten ein Harmonium, ein Telefon und eine Schreibmaschine vom höheren Lebensstandard der Bewohner – ebenso wie der Volksempfänger. Das Kinderzimmer ist selbstverständlich frei von jeglicher Elektronik und von Plastik. Stattdessen findet sich dort eine Puppenstube, ein aufdrehbarer Zirkus-Elefant aus Blech, Murmeln, Bauklötze und ein Kinderstuhl mit Töpfchen. Auch moderne Sanitäranlagen sucht man in dem Musterhaus vergeblich. Statt dessen gibt es ein Plumpsklo.

„Wer wie selbstverständlich mit Elektrogeräten aufgewachsen ist, ist natürlich erstaunt, dass es sie hier nicht gibt“, sagt Kersten. Besonders den Kindern, die sich bei Führungen an der Nobelstraße einfinden, muss das Museum wie ein Eintauchen in eine versunkene und gleichsam exotische alte Zivilisation vorkommen. So gibt es beim Anblick der trockenen Tabakpflanzen, die unter dem Dachboden herabhängen, staunende Blicke. „Zu jedem Haus gehörte ein eigener Garten mit Stall“, berichtet Elke Kersten. Der Anbau von Obst und Gemüse und das Halten von Kleintieren sei gerade in Kriegszeiten „Gold wert“ gewesen. Und: Der Arbeitgeber Bayer habe großen Wert nicht nur auf die Instandhaltung der Häuser, sondern auch auf die sachgemäße Bewirtschaftung der Gärten gelegt. Kersten: „Im Erholungspark gab es Lehrbeete, und Experten des Werks gaben den Bewohnern Anleitungen.“

Unsere Zeitreise endet im Keller. Ein Holzschrank mit Fliegengitter diente als Kühlschrank. Die Einmachgläser im Regal tragen die Jahresaufschrift 1975. Ob das Obst darin wohl noch genießbar ist, will der Besucher wissen. „Durchaus möglich“, sagt die Führerin, „wenn die Gummis unbeschädigt sind.“ Wir lassen es besser nicht darauf ankommen.