Kneipen, die man kennen sollte: Vom Pützer zu "beim Norhausen"

Lokale, die man kennen sollte : Vom Pützer zu „beim Norhausen“

Vor fast 150 Jahren lud Christian Norhausen per Anzeige „ergebenst“ in seine Wirtschaft in Rheindorf. Es ist ein Familienbetrieb geblieben.

Gastlichkeit, Gemütlichkeit, Tradition. Das alles wird „beim Norhausen“ groß geschrieben. Schon seit 1872 existiert die markante Gaststätte auf der Felderstraße in Rheindorf, die Hagen Norhausen (46) seit 2004 in der fünften Generation betreibt.

Angefangen hatte alles vor fast 150 Jahren, als Deutschland noch Kaiserreich war und Pferdefuhrwerke auf Wegen mit Pflastersteinen fuhren. Es lag gerade einmal zwölf Jahre zurück, dass Carl Leverkus seine Ultramarinfabrik von Wermelskirchen nach Wiesdorf an den Rhein verlegt und die Fabriksiedlung nach dem Stammsitz seiner Familie „Leverkusen“ benannt hatte, da schaltete Christian Norhausen am 7. August 1872 eine Anzeige mit folgendem Text: „Freunden und Gönnern hiermit die ergebene Anzeige, dass ich mit heutigem Tage hierselbst eine Wirthschaft eröffnet habe und lade zu freundlichem Besuche hiermit ergebenst ein.“ Anton Norhausen hieß der Ahn, der den Betrieb nach der Jahrhundertwende in zweiter Generation übernahm.

Zu jener Zeit hatte die Monheimer Kleinbahn ihren Betrieb bis Rheindorf ausgeweitet und die Endhaltestelle lag direkt vor der Wirtschaft, die den passenden Namen „Zur Kleinbahn“ trug. Verwendet wurde diese Bezeichnung allerdings selten. Denn alle Gäste verwendeten ausschließlich den Spitznamen „Pützer“. Vermutlich leitet sich die Bezeichnung vom mittelhochdeutschen „Putze“ für Brunnen oder Zisterne ab. Laut Überlieferung soll tatsächlich im Hof vor der Gaststätte ein Brunnen gewesen sein. „Wir gehen zum Pützer“ bedeutete also „Wir gehen zum Brunnen“  – selbst wenn das Bierfass in Wahrheit jener Brunnen war, aus dem gepumpt wurde.

Der Saal im Hof der Gaststätte wurde 1903 angebaut. Dort übernahmen erst Peter, dann Paul Norhausen die Regie. 1975 entstand neben der Gaststätte eine Kegelbahn, 1995 bis 1997 wurden Gesellschaftsräume hinzugefügt, um Gaststube und Saal miteinander zu verbinden. Das Fachwerkhaus einschließlich der 90 Quadratmeter großen Schankwirtschaft steht inzwischen unter Denkmalschutz. Bis heute ist Norhausen in der ganzen Stadt vor allem durch zahlreiche Veranstaltungen bekannt. Zählten früher Tanzabende oder Kinovorstellungen zu den Publikumsmagneten, sind es heute Konzerte, Messen und Karnevalssitzungen. Auch der früher so legendäre Möhneball lockte an jedem Karnevalsdienstag die Besucher aus Nah und Fern ins Dorf am Rhein.  Heute ist Norhausen eine von wenig übrig gebliebenen Gaststätten in Rheindorf. Das einzige familiengeführte Unternehmen des Ortes ist es ohnehin. Eine Tendenz zum Kneipensterben zeichnet sich allgemein ab.

Rund 80 Stunden in der Woche arbeitet Hagen Norhausen für sein Lebenswerk. Dabei gehören Abstimmung und Koordination zu seinen wichtigsten Tätigkeiten. Wäre das nicht schon mühsam genug, wird das Geschäft trotz voller Auftragsbücher immer schwieriger, weil Behörden immer höhere Anforderungen stellen. Das alles und der allgemeine Fachkräftemangel bereiten dem ausgebildeten Hotelfachmann große Sorgen. „Ich habe mich schon häufig gefragt, ob es sich überhaupt lohnt“, zweifelt der zweifache Vater und Ehemann, der sich auch als zweiter Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) engagiert. Die Tatsache, dass sein Haus breit aufgestellt ist für alle Feierlichkeiten von der Wiege bis zur Bahre, kommt dem Besitzer daher sehr entgegen. Hagen Norhausen, der schon als 14-Jähriger wusste, dass er einmal das Geschäft seines Vaters übernehmen will, betont: „Wir sind überzeugt von dem, was wir tun.“

Der Gast spürt das. Nicht zuletzt bei den Speisen, die überwiegend vom Chef persönlich zubereitet werden. Angefangen von der Hühnersuppe mit Einlage für 3,90 Euro, über Kleinigkeiten wie Ofenkartoffel mit Kräuterquark (5,90 Euro) bis zu klassischen Pfannen- und Grillgerichten  (zehn bis 30 Euro): Die Speisen sind gutbürgerlich und saisonal abgestimmt.

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