Klinikum-Arzt Werner Wagner reist in Entwicklungshelfer, um zu helfen

Einsatz in Malawi : „Ich bin nicht Mutter Theresa“

Werner Wagner reist mehrfach im Jahr in Entwicklungsländer, um als Chirurg zu helfen. Im November bricht er wieder nach Malawi auf.

Werner Wagner hat das Herz eines Abenteurers. Anders nämlich, als mit einer Lust am Ungewöhlichen, an einer kleinen Robinsonade, kann sich der Chirurg am Klinikum Leverkusen nicht mehr erklären, dass er vor fast 15 Jahren ja sagte, als er durch einen befreundeten Arzt vom Verein Interplast erfuhr, der für einen Auslandseinsatz noch einen Anästhesisten brauchte. „Damals, ich war noch als Anästhesist an einem anderen Krankenhaus, habe ich ohne zu Zögern zugesagt“, erzählt Wagner.

Seitdem reist der 58-Jährige regelmäßig für den gemeinnützigen Verein, der plastische Chirurgie in Entwicklungsländern ermöglicht, zu Einsätzen. Mehrfach im Jahr. Im November fliegt Wagner mit Kollegen noch einmal nach Malawi. Da war er in diesem Jahr schon, „ich musste dort aber elf Patienten zurücklassen, die ich noch nicht operieren konnte. Ich muss zurück.“ Weil dieser nächste Einsatz eher eine spontane Entscheidung war, „kommt diesmal nur eine Kollegin aus dem Klinikum mit, OP-Schwester Annette Jumpertz, die Zeit hat.“ Die übrigen Kollegen hat Wagner sich fast aus ganz Deutschland zusammengesucht. „Normalerweise besteht das Team, mit dem ich nach Afrika fahre, aus Klinikum-Kollegen.“ Ein Chirurg, ein Anästhesist, eine OP-Schwester und weitere OP-erfahrene Kräfte, idealerweise ein Team aus sechs Helfern, reisen zweimal im Jahr zu einem zweiwöchigen Einsatz. Zwei Koffer à 23 Kilo darf jeder mitnehmen. „Darin transportieren alle Kollegen medizinisches Material. Alles, was man persönlich braucht, kommt ins Handgepäck. Vor Ort brauche ich nicht viel. Ich stehe den ganzen Tag in OP-Kleidung am OP-Tisch.“

Blick in einen Krankensaal in Chitipa. Angehörige müssen die Patienten mit Nahrung versorgen und bleiben über Nacht auf Decken neben den Betten im Krankenhaus. Foto: Werner Wagner

Werner Wagners Spezialgebiet in der Chirurgie sind Struma, im Volksmund Kropf genannt. In zehn OP-Tagen – die übrigen vier Tage gehen für die An- und Abreise vom Provinzstädtchen Chitipa zum Flughafen drauf – operiert Wagner 30 Struma, also drei pro Tag. „Kröpfe entstehen in dem Land vor allem durch Fehl­ernährung. Die Betroffenen in Malawi leiden darunter, es wird als Makel angesehen, viele Frauen verschleiern sich deswegen“, berichtet der 58-Jährige.

Bei den Struma-OP bleibt es nicht. Der Chirurg muss auch bei urologischen, gynäkologischen, knochenchirurgischen Fällen ran, hat auch plastische Chirurgie vornehmen müssen. Denn viele Patienten kommen ins Provinzkrankenhaus, in dem Wagner operiert, auch mit starken Verbrennungswunden. „In Afrika kochen die Menschen meist mit Kerosin. Da kommt es schnell vor, dass sie sich oder ihre Kinder aus Versehen mit dem Inhalt von Kerosinlampen überschütten.“ Darmverschlüsse, Gebärmutterentfernung, so gequetschte Finger, dass sie amputiert werden müssen – „Sie können die Leute nicht wieder wegschicken und sagen, Sie machen nur Kröpfe. Da, wo ich helfen kann, helfe ich.“ Über die Jahre, in denen ihn Einsätze auch nach Sri Lanka (Asien) und nach Tansania (Afrika) führten, hat er medizinische Erfahrungen gesammelt, sich auch zurück in der Heimat mit Kollegen zu Eingriffen beraten. Die wohl größte Herausforderung: „Sie müssen mit dem Equipment auskommen, was da ist, und teils improvisieren.“ Eine Patientin kam mit einem extrem dicken Bauch. Ein CT-Gerät gibt es nicht, Wagner musste den Bauch öffnen, um zu sehen, was los war. Gut so, denn die Gebärmutter musste dringend entfernt werden.

Damit die Anästhesie funktioniert, hat der Arzt über eine Stiftung einen Überwachungsmonitor angeschafft. Der reist zu jedem Einsatz mit. Überhaupt steckt er auch aus der eigenen Tasche Geld in die Hilfsaktionen. Generell werden die Einsätze von Interplast organisiert und finanziert. Auch das Klinikum unterstützt, betont Wagner, der für die Interplast-Einsätze Urlaub nimmt und Überstuden abbaut.

Zeit, um das Land, in dem er operiert, kennen zu lernen, hat er kaum. Er und die Kollegen – mehrere Interplast-Teams wechselten sich in dem Krankenhaus ab, wohnen in der Zeit in sehr einfachen Gästezimmern der Pfarrei St. Michael oder bei einem befreundeten Ehepaar – haben nur den Sonntag frei. Aber zum Sightseeing ist Werner Wagner nicht in Malawi. Er will helfen. Aber: „Ich bin nicht Mutter Theresa, besagte Abenteuerlust ist mit dabei.“ Sprachliche Barrieren gebe es kaum. Malawi war britische Kolonie, Amtssprache ist Englisch. „Spricht jemand eine Stammessprache, findet sich im Krankenhaus doch immer jemanden, der das übersetzen kann.“ Generell, erzählt der Hitdorfer, seien die Afrikaner zurückhaltend mit Dank. Den erwarte er auch nicht. „Einmal aber hat mich eine Patienten nach meinem Vornamen gefragt. Den müsse sie wissen, weil sie mich jeden Abend  in ihr Gebet einschließen wollte.“