Kiosk "Em Veedel" in Opladen schließt

„Em Veedel“ : Ende für den Kiosk mit der guten Stube

Nach mehr als 20 Jahren macht Holger Arenz Schluss und schließt. Vorher wird „Em Veedel“ nochmal gefeiert.

Seit mehr als 20 Jahren war der Kiosk in der Bracknellstraße nie einfach nur ein Geschäft für Lebensmittel, Spirituosen, Tabak oder Zeitschriften. Denn der letzte „Tante-Emma-Laden“ war zugleich Mittelpunkt des Veedels. Hinter dem Verkaufsraum gab es sogar eine Stube samt Sitzecke und Fernsehgerät. Zu Weihnachten wurde dort ein Baum aufgestellt, bei Feiern an Heiligabend sorgten Freunde und Bekannte für Speisen und Getränke. Mitunter diente der Raum auch als Kulisse für Mitsingabende, Livekonzerte oder Nachbarschaftsfeste. Erst im Vorjahr feierte man gemeinsam das 20-jährige Bestehen der Einrichtung.

Jetzt, ein Jahr später, hat Eigentümer Holger Arenz aufgegeben. Am letzten Tag im Oktober schloss er die Tür zum letzten Mal, nachdem er sechs Monate erfolglos versuchte, einen Nachfolger zu finden. „Ich bin der Meinung, dass der Kiosk keine Zukunft hat“, begründete Arenz (55) seine Geschäftsaufgabe, „zumindest nicht in Seitenstraßen, sondern allenfalls in Zentren.“ Als der gelernte Kunststoffschlosser das rund 100 Quadratmeter große Ladenlokal 2006 erwarb, in dem einst eine Metzgerei untergebracht war, sei er einer von fünf Kioskbesitzern in der näheren Umgebung gewesen, zuletzt gab es nur noch ihn.

Morgens um 6 Uhr kamen die ersten Handwerker zum Frühstück, später verbrachten sie dort ihre Mittagspause, saßen vor dem Haus und diskutierten auf den Sitzschalen aus dem Bayer-Stadion über Fußball. Kinder kauften Eis und süße Tüten, Frauen aus der Nachbarschaft tauschten neueste Informationen aus oder besorgten noch schnell ein Paket frische Eier, die sie beim Einkauf vergessen hatten. Wer ein Buch in der Tauschbörse fand, konnte sich sofort in die gemütliche Sitzgruppe setzen, die Wandlampe aus den 1950 er Jahren einschalten oder Musik aus dem alten Röhrenradio vom Trödelmarkt hören. Bis 20 Uhr herrschte täglich ein ständiges Kommen und Gehen.

Arenz kannte viele Geschichten, Sorgen und Nöte der Leute, hatte vor allem viel Zeit und Liebe in sein Geschäft investiert, das maximal zwei Tage im Jahr geschlossen blieb. Urlaub hatte er höchst selten, allenfalls fünf Tage am Stück. „Die Arbeit hat mich immer ausgefüllt, ich habe nichts vermisst“, sagte der Opladener, der in Zukunft öfter an sich denken möchte, statt sein Einkommen mühsam und zeitaufwendig zu sichern. Unter anderem wird er die Bewirtung bei Veranstaltungen in der Festhalle am Markt und den Auslieferungsservice an Leverkusener Schulen beibehalten.

Über das Ende ist nicht nur Arenz selber traurig, sondern auch die Gäste. „Hier war zeitweilig sogar mein Familienersatz“, bekannte Stammgast Michael Kratzer (34), zeigte aber Verständnis für die Situation. Alles in allem ist es kein Abschied für immer, sondern Kunden wollen auf jeden Fall in Kontakt bleiben, womöglich sogar einen Stammtisch gründen.