Leverkusen : Des Narren Königsdisziplin

"Och, wat war dat fröher schön doch en Colonia" sang Willi Ostermann 1930. Aber war früher wirklich alles schöner? Leverkusener Karnevalisten zweier Generationen suchen nach Antwort: Toni Blankerts und Jens Singer.

Um es vorweg zu nehmen: Seit sich beide Männer vor etwa zehn Jahren kennen lernten, ziehen sie in Sachen Karneval an einem Strang. Das hängt auch mit der Sympathie zusammen, die beide füreinander empfinden. Singer sagt: "Toni ist mein großes Vorbild." Speziell, was das Lokale angehe, könne ihm keiner das Wasser reichen. Es habe Zeiten gegeben, da sei er, Singer, eigens aus Berlin gekommen, um Blankerts' Rede zu hören. Beide Männer gehen beim Redenschreiben ähnlich vor und beide kamen zufällig an ihre zeitintensive Nebenbeschäftigung.

Bei "Nachtwächter" Blankerts war es der Ärger über die kommunale Neugliederung 1975. Weil die Verse, die stets mit dem Satz endeten, "was war es doch schön, ein Opladener zu sein" so gut ankamen und er auf Anhieb einen Preis erhielt, blieb er dieser Rolle bis heute treu. Singer ärgerte sich 1994 über "die teuren importierten Redner mit alten Witzen", bei denen jeglicher lokale Bezug fehlte. Als er hörte, dass Menschen lachten, während ein Schlebuscher Original lustige Geschichten "us dämm Lääve im Dorp" erzählte, nahm er sich vor, lokale Themen in die Bütt zu bringen. Blankerts: "Das ist unsere einzige Chance."

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In den Augen Singers, dem "Schofför" von Angela Merkel, ist der karnevalistische Wortbeitrag — bei allem Respekt für Musik und Tanz — eine Königsdisziplin. Aktuell seien im Kölner Raum etwa 30 Redner unterwegs. Doch statt "rheinischer Büttenreden mit Augenzwinkern" würden diese überwiegend Comedy bieten. Das komme bei jungen Leuten an, genauso Gruppen wie "Brings". "Jüngere wollen nicht mehr zuhören", bemängelt Blankerts, "nur noch Party machen." Gute Redner hätten kaum noch eine Chance, gehört zu werden.

Tod des ursprünglichen Karnevals

Ohnehin bräuchten Redner für die persönliche Entwicklung mindestens zehn Jahre, erläuterte Singer. Deshalb besuche er seit zwei Jahren zusätzlich die Rednerschule des Festkomitees Kölner Karneval 1823. Auf dem Stundenplan stehen etwa klassische Rhetorik, Kostümwahl, Karnevalsgeschichte und Dialekt. Früher sei nicht alles schöner gewesen, aber vieles anders, sind sich Blankerts und Singer einig. Sie sagen unisono: "Karneval hat sich insgesamt gewandelt." Auch das Fernsehen leiste einen Beitrag zum "Tod des ursprünglichen Karnevals". Die Umstrukturierung sei eine "Zeiterscheinung", vor der man nicht weglaufen könne.

Deshalb beneiden sie auch nicht die Literaten um deren Aufgabe, Kräfte zu engagieren, um allen Wünschen gerecht zu werden. Vielleicht gibt es ja mal jemand, dem dieser Spagat gelingt? "Aber", sagt Singer, "es gibt ja immer Leute, die was zu meckern haben."

(RP)