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Interview mit dem Vorsitzenden der Leverkusener Europa-Union

Interview Hans-Georg Meyer : Leverkusen soll „Europastadt“ werden

Kurz nach seinem 80. Geburtstag verlässt Hans-Georg Meyer als Vorsitzender die Brücke des Kreisverbandes der Europa-Union und übergibt an Elke Müller. Für die Europaidee will er sich weiter stark machen.

Der Weg für den Brexit ist frei, die Briten verlassen die EU. Es war kein gutes Jahr für Europa. Als flammender Europäer müssen Sie enttäuscht sein. Oder ?            

Meyer Der Brexit ist noch keineswegs klar. Zwar haben die britischen Wahlen vom 12. Dezember  den Konservativen dank des Mehrheitswahlrechts eine absolute Mehrheit der Unterhaussitze gebracht, aber weniger als die Hälfte der Wähler haben für eine Brexit-Partei gestimmt. Das Vereinigte Königreich ist in dieser Frage tief gespalten und droht daran zu zerbrechen. Nach einem Austritt aus der EU strebt Schottland seinerseits nach einem Austritt aus Großbritannien. Und Nordirland strebt nach einer Vereinigung mit der Republik Irland. Den Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs zu sichern, ist ein Riesenproblem, dessen Lösung der Brexit viel schwieriger machen würde.

Was passiert zum  Austrittsdatum?

Meyer Wenn der Brexit am 31. Januar rechtskräftig wird, ändert sich de facto fast nichts. Bisher ist nur der Austritt ausgehandelt worden, aber nicht die zukünftigen Beziehungen des Vereinigten Königreiches  zur EU. Da wird eine Freihandelszone angestrebt, was innerhalb eines Jahres geklärt werden soll. Das ist so schnell wohl nicht zu schaffen, die Freihandeslzone der EU mit Kanada zu verhandeln dauerte sieben Jahre. In dieser Zeit, in der die Briten noch voll zahlen, aber kein Mitspracherecht mehr haben, dürften die Konsequenzen des Brexit  für  die Briten deutlich spürbar werden. Sie verlieren politischen Einfluss in der Welt  und gegenüber der EU, die ihr größter Handelspartner ist. Wirtschaftlich kommt  die Europäische Union ohne die Briten sicher besser klar als die Briten ohne  die EU.

Das bedeutet?

Meyer Von daher glaube ich immer noch nicht an einen Brexit. Natürlich kann die britische Regierung jederzeit einen No-Deal-Brexit  vom Zaun brechen. Das wäre dann aber der größte strategische Fehler der Briten in der Nachkriegszeit. Und wenn Europa weiterhin so einig agiert wie bisher, wird es aus dem Brexit-Abenteuer der Briten am Ende gestärkt hervorgehen. Dann war 2019 doch noch ein gutes Jahr für Europa.

Gab  es auch gute Nachrichten für Europa ?

Meyer Europa ist die einzige Region in der Welt, in der 28 ganz unterschiedliche Staaten einen gesicherten Frieden  organisieren konnten, der zu einem gesicherten Wohlstand geführt hat. Diese positive Entwicklung wird auch mit 27 Staaten weitergehen. Den meisten Europäern ist das leider nicht bewusst. Die  haben  noch nie einen Krieg erlebt und wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht.

Und bei der Leverkusener Europa-Union. Was hat Sie 2019 besonders gefreut ?

Meyer Der Europagedanke ist in Leverkusen lebendig und wird von der Europa-Union bewusst  wach gehalten. Man sieht das deutlich an der positiven Mitglieder-Entwicklung. Denn jedes neue Mitglied macht ja aus seiner stillen Sympathie für Europa ein offenes Bekenntnis. Als ich 1985 den Vorsitz übernahm, hatte die Europa-Union Leverkusen weniger als 50 Mitglieder. Heute sind es über 250. Ich übergebe bei der nächsten Mitgliederversammlung  einen gut aufgestellten Verein an eine gute Nachfolgerin, Elke Müller. Ich bin dann 80 Jahre alt und muss dann nichts mehr müssen – bin aber bereit, da weiterzumachen, wo ich noch gebraucht werde.

Im vergangenen Jahr gab es einen kurzen Namensstreit um die Doppelbenennung Europaring und Europa-Allee. Manchem war das zu viel Europa. Jetzt bleiben beide Namen. Zufrieden?

Meyer Ja. Es gibt in unserer Stadt leider nicht nur Freunde Europas, dafür aber gute Kämpfer für Europa, wie Herrn Bezirksvorsteher Rainer Schiefer.

Namen sind bekanntlich Schall und Rauch. Ist die Europa-Idee in der Stadt ausreichend verankert?

Meyer Die  Europa-Idee zu fördern ist unser Vereinsziel, und da gibt es natürlich immer noch Luft nach oben. Unser Ziel für Leverkusen ist ein öffentliches Bekenntnis unserer Stadt zu Europa, indem sie sich künftig „Europastadt Leverkusen“ nennt. Das wäre gut für Leverkusen und für Europa, das unter den negativen Vorurteilen vieler Medien leidet. Umso dankbarer bin ich der Rheinischen Post für dieses faire Interview.

Was wäre noch konkret zu tun, um den Europagedanken in weiten Teilen der Stadtbevölkerung zu fördern?

Meyer Die Europa-Union Leverkusen wird auch weiterhin ihr Bestes geben, um bei uns den Europa-Gedanken zu fördern. Im nächsten Jahr sind Kommunalwahlen. Da bin ich gespannt, wie viele Parteien den Europa-Gedanken in ihrem Wahlprogramm verankern werden. Dazu zitiere ich Hans Dietrich Genscher. Er sagte bei seiner Bambi-Verleihung 2010: „Europa ist unser aller Zukunft. Wir haben keine andere.“  Dieser Satz gilt heute so wie damals, und er gilt in Leverkusen wie überall in Europa.