Leverkusen: Gretchen und die Schauspiellust

Leverkusen : Gretchen und die Schauspiellust

Ein Portiönchen Selbstironie, viele überzeichnete Typen und einen Funken Wahrheit zeigt das neue Stück der Studiobühne.

Am schlimmsten sind die Regisseure in der Provinz. Nur gut, dass Opladen nicht dazu zählt, oder doch? Die beiden Regisseurinnen Sabine Lüer und Inga Engels-Kunz kann der Ausspruch der Schauspielerin ohnehin nicht erschüttern.

Sie nehmen es mit Humor, den haben sie mit ihrem Regie-Debüt in der Studiobühne Opladen bewiesen. Nach dem anspruchsvollen und sehr ernsten Stück "Mutterseelenallein" gönnen sie dem Publikum mit "Gretchen 89 ff" zwei erheiternde Stunden, durchaus mit einer guten Portion Selbstironie.

Denn das 1994 uraufgeführte Stück von Lutz Hübner bezieht sich zwar auf Goethes Faust, ist aber eigentlich ein Stück über das Theater und die schillernden Charaktere auf und hinter der Bühne. Auf die Konstellation von Regisseur und Schauspieler kommt es an, halten Lüer und Engels-Kunz in ihrer Moderation fest. Und dann stellen sie kurz die Eigenarten der neun sehr unterschiedlichen Beispiele vor. Allen gemeinsam ist, dass sie den Faust im Reclamheft auf Seite 89 aufschlagen, wo die berühmte "Kästchenszene" beginnt.

Die kurzen Szenen mit wechselndem Personal ermöglichten eine größere Beteiligung des spielfreudigen Ensembles. Neun Spieler haben sich die Rollen geteilt, einige stehen mehrmals auf der Bühne, selbstverständlich völlig verwandelt. Die größte Veränderung gelingt Martina Dolle, die zuerst als blutige Anfängerin und später als Diva wirklich jedes Klischee erfüllt.

Köstlich amüsierten sich die geladenen Zuschauer bei der Generalprobe, vor allem über den zweiten Auftritt, in dem sie Regisseur Hans Schmitz einfach überrollt. Berit Haupt tritt sogar drei Mal als Gretchen-Darstellerin an, muss sich gegen einen Spielleiter behaupten, der mit deftigen Worten über "Stadttheaterscheiße" und "Abonnentengeklingel" schimpft, oder einen sie anhimmelnden Hospitanten (Matthias Weidner) ertragen.

Aber es kommt noch schlimmer mit einer Dramaturgin (Barbara Heisinger), die gnadenlos Gretchens Text zusammenstreicht und schließlich die Kästchenszene herausnimmt. Ulrike Paul begegnet einem Haudegen von Regisseur (Michael Göttsche), der in Erinnerungen an bessere Zeiten abschweift.

Noch schlimmer trifft sie der Freudianer (Robin Ebneth), der den Klassiker nur auf unterschwellige Sexualität abklopft und die Gretchen-Darstellerin anmacht. Da erscheint die letzte Szene wie ein Rachezug, wenn er als arbeitsloser Schauspieler die Gretchenrolle übernehmen soll, geschlechtsneutral und mit dem Versuch, gar keine Figur zu spielen. Petra Bierwirth kommt gar nicht zum Text Seite 89 ff, weil sie zu sehr mit sich und ihrer Existenz als Schauspielerin beschäftigt ist.

Das Ensemble hat mit Spaß die verschiedenen Typen überzeichnet, ohne das Fünkchen Wahrheit im Drehbuch zu verdecken.

(mkl)
Mehr von RP ONLINE