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Explosion in Leverkusen: Leverkusen erlebt nach Hochwasser die nächste Katastrophe im Chempark

Explosion im Chempark : Leverkusen erlebt die nächste Katastrophe

Nach der Explosion in einer Müllverbrennungsanlage im Chempark ist die Zahl der Verletzten auf 31 gestiegen. Zwei Menschen kamen ums Leben, fünf weitere gelten als vermisst. Eigentlich erholt Leverkusen sich gerade noch vom Hochwasser. Wie die Stadt den Tag erlebt hat.

Als die Erschütterung die Fensterscheiben um 9.30 Uhr urplötzlich erzittern lässt, schwebt die schwarze Rauchwolke schon über Rheindorf in Richtung Opladen. Nachbarn stehen zu der Zeit noch am Gartenzaun und rätseln, was diese ungeheure Detonation ausgelöst hat. Einer sagt: „Ich geh rein, mach die Fenster zu. Wenn das vom Bayer kommt...“ Als eine Minute darauf die Warn-App Nina auslöst, hat der Nachbar seine Fenster schon verschlossen. So, wie es Nina dringend für ganz Leverkusen empfiehlt. Und ja, es kommt „vom Bayer“, wie es in Leverkusen heißt, wenn man über den Chempark spricht, das ehemalige Bayer-Werk.

Im Entsorgungszentrum Bürrig, das zwar weit außerhalb des Werkszauns liegt, aber zum Chempark gehört, wird um 9.40 Uhr ein Notruf abgesetzt. Vollalarm für die Werkfeuerwehr. „Auf der Anfahrt haben wir bereits die Berufsfeuerwehr Leverkusen alarmiert“, sagt Stephan Hummel, Leiter der Chempark-Feuerwehr. Auch Hilfe von den beiden anderen Niederrhein-Standorten in Dormagen und Krefeld-Uerdingen wird angefordert. In Leverkusen heulen die Sirenen. Wer Nina auf dem Handy hat, hört das erste Ping für die Warnung, weitere folgen über den Tag.

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Im Entsorgungszentrum stehen drei Tanks im Tanklager in Flammen. Die Rauchwolke ist weit über Leverkusen hinaus zu sehen. In den Riesenbehältern werden Produktionsabfälle aus dem Chempark gelagert, bis es für sie in die Müllverbrennungsanlage auf dem Areal geht. Chempark-Leiter Lars Friedrich spricht am Dienstagmittag von chlorierten Lösungsmitteln, die da in Flammen aufgegangen sind. Um welche Stoffe es genau geht, „können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Das wird in den kommenden Tagen alles analysiert.“ Dass auch Giftstoffe sich mittels der Rauchwolke über Leverkusen, vor allem über den Stadtteilen Bürrig und Opladen, verteilt haben, kann und mag er am Mittag nicht ausschließen. Da war zumindest das Feuer gelöscht.

Vorrang habe zunächst die Menschenrettung, betont Friedrich. Zu dem Zeitpunkt gelten sechs Mitarbeiter noch als vermisst. Ein siebter ist gefunden. Tot. „Ich habe die Hoffnung, dass wir sie lebend finden“, sagt Friedrich sichtlich betroffen vor Journalisten. „Aber das ist nur eine Hoffnung.“ Wenige Stunden später wird ein zweiter Mensch tot geborgen, fünf gelten weiter als vermisst.

Explosion in Leverkusen: Ein Toter im Chempark

50 bis 60 Mitarbeiter sollen sich auf dem großen Gelände des Entsorgungszentrums – Verbrennungsanlage, Gemeinschaftsklärwerk, Deponie – aufgehalten haben. Wie viele genau im Bereich des Tanklagers, das ist unklar.

Fakt ist: 31 Mitarbeiter wurden verletzt und müssen medizinisch betreut werden, fünf von ihnen erlitten schwere Verletzungen und werden intensivmedizinisch versorgt. Einer von ihnen hat so starke Verbrennungen erlitten, dass er ins Spezialkrankenhaus in Köln-Merheim gebracht wird. Lebensgefahr nicht ausgeschlossen.

Bislang wurden zwei Menschen tot geborgen. Aussagen zur Identität, Alter und den Todesumständen wird die Polizei zum Schutz der Angehörigen nicht veröffentlichen. Friedrich spricht von „schweren Stunden“ für den Chempark. Leverkusens Oberbürgermeister Uwe Richrath von einem „tragischen Tag“ für die Stadt, Kostenpflichtiger Inhalt die sich gerade langsam wieder von der Hochwasser-Katastrophe erholt. Und dabei am Dienstag pausieren muss. Das Entsorgungsunternehmen hat wegen der Rauchwolke mit unbekannten Inhaltsstoffen die Abfuhr des Sperrmülls vorerst eingestellt. Luftmesswagen sind unterwegs. Was die Explosion an oder in den drei Tanks mit einem geschätzten Inhalt pro Behälter von rund 300 Kubikmetern Produktionsabfällen ausgelöst hat, ist noch unklar.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) hat den Rußniederschlag begutachtet. Ihmnach handelt sich um cent- bis eurogroße Partikel, die eine ölige Konsistenz haben, die nicht in die Wohnung getragen werden sollten. Die Currenta hat der Stadt zugesagt, zeitnah die Straßen, Gehwege und Hauseingänge zu reinigen. Partikel auf den Fensterbänken etwa sollten liegen bleiben, bis das LANUV die Inhaltstoffe analysiert hat. PKW können in der Waschanlage gereinigt werden, weil dort eine Abwasserbehandlung erfolgt.

Am Mittag gibt es Gefahren-Entwarnung für den Rheinisch-Bergischen Kreis, den Kreis Mettmann, später für den Oberbergischen Kreis. Über die Gebiete ist die Rauchwolke gezogen. In Opladen und Bürrig bleibt Nina am Nachmittag aktiv. Bis zur Entwarnung am späteren Nachmittag bleiben die Fenster des Nachbarn, der schneller war als die Warn-App, verschlossen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes war von einem Toten und vier Vermissten die Rede. Inzwischen hat der Betreiber des Chemparks die Zahlen auf zwei Todesopfer und fünf Vermisste korrigiert. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schwere Explosion im Chempark Leverkusen