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Explosion in Leverkusen: Drei weitere Tote im Chempark geborgen - Polizei ermittelt

Nach Explosion in Leverkusen : Im Chempark drei weitere Tote geborgen – Polizei ermittelt

Nach der gewaltigen Explosion in einer Leverkusener Chemiemüllanlage sind dort am Donnerstagnachmittag drei weitere tote Arbeiter geborgen worden. Zwei werden noch vermisst. Damit erhöht sich die Zahl der Todesopfer auf fünf.

Nach der verheerenden Explosion auf einem Gelände von Chemie-Unternehmen in Leverkusen begutachten Ermittler der Kölner Polizei den Unglücksort. Der Brandort konnte am Donnerstag betreten werden, die Ermittler seien wohl den ganzen Tag vor Ort, sagte ein Sprecher der Kölner Polizei am Morgen. Es sei eine „Puzzlearbeit“ und unwahrscheinlich, dass die Unglücksursache sofort herausgefunden werde.

Nach Explosion in Leverkusen: Drei weitere Tote geborgen

Zuvor war die Hoffnung, Überlebende zu finden, immer weiter gesunken. „Wir haben keine Hoffnung mehr, jemanden lebend zu finden“, sagte ein Sprecher der Chempark-Betreiberfirma Currenta am Donnerstagmorgen. Durch die Explosion am Dienstagmorgen waren nunmehr fünf Arbeiter getötet worden. 31 wurden nach Angaben der Chempark-Betreiberfirma Currenta verletzt. zwei Menschen werden noch vermisst.

Die Polizei hat eine 16-köpfige Ermittlungsgruppe „Deich“ eingerichtet. Der Name bezieht  sich auf die Adresse der Müllverbrennungsanlage Am Alten Bürriger Deich. Die Ermittler seien  mit zwei Teams vor Ort, sagte der Sprecher. Ein Team stehe bereit, um zu dokumentieren und zusammen mit der Feuerwehr eventuell Leichen zu bergen. Die Begehung finde mit Vertretern vom Umweltbehörden, Sachverständigen, des Unternehmens, der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamts statt. Die Polizei will bei den Ermittlungen auch Drohnen einsetzen.

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Laut Staatsanwaltschaft sollen DNA-Proben von Angehörigen der Vermissten genommen werden, um so die Identifizierung der Opfer zu erleichtern.

Laut Polizei ist fraglich, ob alle Bereiche schon begangen werden können: Teile seien einsturzgefährdet, andere Bereiche kontaminiert. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässiges Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion gegen unbekannt.

Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt (Lanuv) arbeitet unterdessen weiter an einer Analyse der Stoffe, die mit der Rauchwolke nach der Explosion in die umliegenden Wohngebiete getragen wurden. „Bislang liegen aus diesen Untersuchungen noch keine Ergebnisse vor“, hatte das Umweltamt am Mittwochabend betont. Ergebnisse seien erst Ende der Woche zu erwarten.

In einer ersten Einschätzung war das Amt davon ausgegangen, dass es sich um „Dioxin-, PCB- und Furanverbindungen“ gehandelt haben könnte. Grundsätzlich sei es so, dass Dioxine bei jedem Brandereignis in mehr oder weniger hohen Konzentrationen entstünden. Wie hoch die vorhandenen Rückstände mit diesen Substanzen belastet sind, werde sich erst nach der aufwendigen Auswertung zeigen.

Nach dem Brand waren in Leverkusen Rußpartikel niedergegangen. Die Stadt empfahl ihren Einwohnern bis zu einer abschließenden Klärung unter anderem, kein Obst oder Gemüse aus dem Garten zu essen, auf dem sich Partikel abgelagert hatten. Auch sollte der Ruß nicht in die Wohnungen getragen werden. Wer dringend im Garten arbeiten müsse, sollte dabei vorsorglich Handschuhe tragen. Auch für Leichlingen gilt mittlerweile diese Empfehlung aus Vorsorge. auch dort war vereinzelt Ruß runtergekommen.

Zur Identität der Toten machen die Ermittler bisher keine Angaben. Es soll sich bei den ersten beiden um einen Werksangehörigen von Currenta und einen Mitarbeiter einer Fremdfirma handeln. Wie der Verein unserer Redaktion bestätigt, soll es sich bei einem Opfer um ein langjähriges Vereinsmitglied des SC Germania Reusrath handeln. Der Langenfelder Verein und Fußballlandesligist hatte auf Facebook einen Trauerpost mit Name und Foto des Verstorbenen veröffentlicht, der aber inzwischen wieder entfernt wurde. Der Mann soll als Schichtmeister bei Currenta tätig gewesen sein und im Verein unter anderem Funktionen als Jugendvorstand, Torwarttrainer und bei den Alten Herren gehabt haben. Er hinterlässt eine Frau und zwei Söhne.

Von Currenta beauftragte Seelsorger kümmern sich um die Angehörigen der Opfer und Vermissten. Currenta-Vorstandschef Frank Hyldmar hatte am Mittwoch Unterstützung für die Angehörigen zugesagt. Die Trauer geht weit über die Stadtgrenzen hinaus. In den Sozialen Medien äußern Menschen ihre Anteilnahme. Auf der Currenta-Seite wurde das Unternehmenslogo mit schwarzem Hintergrund versehen. Dort sammeln sich Beileidsbekundungen, Bilder mit Engeln, Herzen, Kerzen sind zu sehen.

„Mein herzliches Beileid gilt den Angehörigen der Verstorbenen . Man kann sich gar nicht vorstellen was sie gerade empfinden und wie sie gerade leiden und um ihre Liebsten trauern“, schreibt ein Leverkusener. „Morgens früh gingen ihre Liebsten wie immer aus dem Haus mit den Worten bis später …. Aber leider gab es kein später mehr.. Und weiter: „Als Leverkusener gehen die letzten Tage leider nicht so schnell aus meinen Kopf raus. Es tut weh unsere Stadt so leiden zu sehen.“ Das Unternehmen bedankt sich auf Facebook für die Anteilnahme mit diesen Worten: „Wir sind bewegt von der großen Anteilnahme der Community. Vielen Dank für all eure Kommentare und Nachrichten. Wir haben an dieser Stelle eine dringende Bitte an euch. Aus Respekt und zum Schutz der Familien der Opfer bitten wir euch eindringlich weder die Namen noch Bilder der verstorbenen und vermissten Kollegen zu teilen.“

Die Stadtverwaltung hatte Halbmast-Beflaggung vor dem Rathaus und Behördengebäuden angeordnet. Currenta bereitet nach Angaben von Sprecher Maximilian Laufer einen Trauerort unweit des Werksgeländes vor, wo sich Menschen versammeln können. Auch sei eine Trauerfeier angedacht, konkreteres will das Unternehmen in Kürze bekannt geben. „Das sind dunkle Stunden“, sagt Currenta-Sprecher Laufer. „Hier gibt es viele weinende Menschen.“

Auch Currenta hat die Fahnen vor der Firmenzentrale im Chempark auf halbmast gesetzt.

Bayer 04 hat bei der Partie am Mittwochabend in Leverkusen gegen den FC Uetrecht im Gedenken an das Unglück in Trauerflor gespielt.Vor dem Stadion sind die Fahnen auf halbmast. Nach RP-Informationen hat Bayer 04 vor dem Spiel die Anlage auf Partikelniederschlag geprüft, am Unglückstag die Windrichtung im Auge behalten, um das Spiel stattfinden lassen zu können. RP-Leser monieren, es sei geschmacklos, dass das Spiel in solcher einer Situation überhaupt in Leverkusen stattgefunden habe. Am Dienstag hatte nach der Detonation das angesetzte Training drinnen stattgefunden.

Der Bayer-Konzern, der bis 2020 rund 60 Prozent der Anteile an Currenta gehalten hat, hat die Beflaggung vor der Konzernzentrale im Gedenken an die Opfer der Explosion auf halbmast gesetzt.  Im Intranet gingen und gehen zahlreichen Kommentare und Beileidsbekundungen der Bayer-Beschäftigten ein, „die tiefe Betroffenheit aber auch die Verbundenheit mit den Opfern aber auch mit den Beschäftigten der Currenta“, zeigen, sagt ein Konzernsprecher. Bayer-Chef Werner Baumann hat gegenüber  Currenta im Namen des Vorstands und aller Mitarbeiter seine tiefe Betroffenheit formuliert: „Unser tiefempfundenes Mitgefühl gilt allen, die bei diesem schrecklichen Unfall zu Schaden gekommen sind. Unsere Gedanken sind auch bei den Familien der Betroffenen." Zudem: „Wo immer wir den Kollegen der Currenta in der Aufarbeitung des Unfalls und seiner Folgen helfen können, geschieht das bereits durch die entsprechenden Fachabteilungen“, merkt der Sprecher an.

Der frühere Anteilseigner Lanxess (hielt 40 Prozent an Curenta) hat  Trauerbeflaggung angeordnet – sowohl an der Konzernzentrale in Köln-Deutz, als auch vor dem Headquarter der Tochterfirma Saltigo im Chempark. Konzernchef Matthias Zachert hat in einem Brief an die Currenta-Geschäftsführung  die Anteilnahme von Lanxess-Vorstand und -Mitarbeitern  ausgesprochen. Sie gelte vor allem den Angehörigen der Verstorbenen und den Kollegen, die mit den Toten zusammengearbeitet haben, sagt ein Konzernsprecher.

Auch Kunststoffhersteller Covestro hat die Flaggen im Covestro-Headquarter in Leverkusen auf halbmast gesetzt. Konzern-Chef Markus Steilemann: „Die Nachrichten über die Toten und Verletzten nach der Explosion im Chempark Leverkusen machen mich zutiefst traurig und nachdenklich. Meine Gedanken sind nach wie vor bei den Angehörigen, die dieses Unglück am meisten trifft sowie bei den Rettungskräften, die seit so vielen Stunden im Einsatz sind.“ Es haben sich laut Konzern  sehr viele Mitarbeitende über die Covestro-Social-Media Kanäle und im firmeneigenen Intranet zu Wort gemeldet und ihre tiefe Betroffenheit aussgedrückt. Covestro stehe mit Currenta im engen Austausch und „hat, zusammen mit anderen Chempark-Partnern, Unterstützung bei der Aufarbeitung des Unglücks angeboten“, teilt das Unternehmen mit.

Von Leverkusener Bürgern kommt Kritik  zu Tempo und Transparenz bei der Aufklärung und Information für die Öffentlichkeit. „Nicht ignorieren kann ich die lückenhafte und schleppende Aufklärung der zuständigen Firma nach dieser Druckwelle, die mir durch Mark, Bein und Herz gegangen ist, die so viele Opfer gefordert hat“, sagt Victoria Ishag. Die Leverkusenerin schließt an: „Warum plant man ein Gelände so, dass eine Stromleitung est eine Stunde lang vom Netz genommen werden muss, bevor überhaupt mit den Löscharbeiten begonnen weden kann? Womit hat der Tankinhalt reagiert, dass es zur Explosion kommen konnte? Warum werden die armen Bewohner von Bürrig allein gelassen mit einer nicht funktionierenden Hotline und tennisballgroßen verseuchten Rußpartikeln im Garten?“

Die bisherigen Statements und Floskeln in den Pressekonferenzen ließen Leverkusener „enttäuschter und verwirrter zurück, als wenn sie gar nicht stattgefunden hätten“, merkt Ishag an. „Solch ein Unternehmen hat die Verpflichtung mehr als umfassend und schnell bei so einem Ereignis zu informieren. Lückenlos. Sofort. Unbürokratisch.“ Nachsatz: „Sonst wollen immer weniger Menschen in dieser Stadt leben.“ Auch sie habe für einen kurzen Moment überlegt, ob sie nicht wegziehen soll.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Leverkusen am Tag nach der Explosion im Chempark

(siev/dpa/bu/LH)