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Explosion im Chempark Leverkusen - Polizei vernimmt 50 Zeugen

Explosion im Chempark : Leverkusen ist „Hochrisiko-Stadt“

Zwei Wochen nach der Explosion im Chempark-Entsorgungszentum wird immer noch ein Mensch vermisst. Die Brandermittler dürfen noch nicht an den Explosionsort. Greenpeace will bald seine komplette Analyse vorstellen. Polizei hat 50 Zeugen vernommen.

Knapp zwei Wochen nach dem verheerenden Explosionsunglück in der  Chempark-Müllverbrennungsanalage fehlt von dem noch vermissten Arbeiter jede Spur. Von den 31 Verletzten befindet sich weiterhin einer im Krankenhaus. Aufräum- und Bergungsarbeiten am Unglücksort laufen parallel, Brandermittler der Kripo erledigen ihre Arbeit. Allerdings immer noch nicht am eigentlichen Explosionsort. „Den Brandermittlern ist es derzeit noch nicht möglich, zum Explosionsort vorzudringen. Dies darf gegenwärtig allein die Feuerwehr zur Gefahrenabwehr. Wann die Brandermittler Zutritt haben werden, kann ich im Moment noch nicht absehen“, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer.

Das Areal sei weiterhin „eine Einsatzstelle“, sagt Currenta-Sprecher Maximilian Laufer. „Ein Ende der Arbeiten ist noch nicht absehbar, aber der Radius wird immer kleiner.“ Die Situation am Einsatzort sei weiter komplex, das Vorgehen müsse eng mit den Ermittlern abgestimmt werden, „doch es geht voran“.

Die Polizei ist derzeit mit der umfangreichen Vernehmung von Zeugen befasst. Laut Bremer beläuft sich die Zahl der vernommenen Zeugen bereits auf annähernd 50. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässiges Herbeiführen einer Explosion.

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Unterdessen geht die Diskussion über Schadstoffmesswerte weiter. Nachdem das Landesumweltamt (Lanuv) zunächst auf der Grundlage seiner Messwerte  Entwarnung gegeben hatte, hatte Greenpeace mit einer eigenen und angeblich breiter ausgerichteten Messreihe nachgelegt. Demnach sollen in zwei Proben Dioxinrückstände gefunden worden sein, die oberhalb zulässiger Grenzwerte liegen. Weitere Proben werden noch ausgewertet.  

„Wir sehen mit Interesse allen konkreten Ergebnissen von Greenpeace entgegen“, sagt Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann. „Sobald alle Greenpeace-Daten vorliegen, können wir ausführlich  abschließende Vergleiche zwischen den Messmethodiken und den gemessenen Gehalten an Dioxinen und anderen Stoffen herstellen.“ Der große Teil der bisher von Greenpeace vorgelegten Analysen bestätige die Einschätzung des Lanuv, dass es in der Umgebung der Sondermüllverbrennungsanlage   Bürrig „sehr wahrscheinlich nicht zu einem relevanten Stoffeintrag, insbesondere auch bzgl. Dioxinen gekommen ist“. Eine Unterscheidung gebe es bei zwei Rußpartikelproben, in denen von Greenpeace erhöhte Dioxingehalte für Kinderspielflächen gemessen wurden. Der Grenzwert liege bei 100 ng/kg. „Dies bestätigt die bestehende Empfehlung des Lanuv, rußbeaufschlagte Flächen und Gegenstände zu reinigen, und die verwendeten Putztücher sowie Rußrückstände in der Restmülltonne zu entsorgen“ sagt Deitermann. Zum Vergleich verweist er darauf, dass  dass PCDD/F-Gehalte (Dioxine) „in Gartenböden des Ballungsraumes häufig im Bereich um 20 ng/kg liegen“.

Sofern die Reinigungs-Empfehlungen befolgt würden, sei  nicht davon auszugehen, dass „beispielsweise spielende Kleinkinder mit entsprechenden Rußpartikeln in Berührung kommen und diese gar verschlucken“. Die Grundlage der Entwarnung des Lanuv beruhe auf zwei Untersuchungsansätzen: Zum einen die Analysen der Rußrückstände zu Dioxin-, PCB- und Furanen, zum anderen auf Pflanzen- und Bodenproben auf Agrarchemikalien. Deitermann: „Alle Messungen ergaben keine Werte, die die Aufrechterhaltung von gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen rechtfertigen würden.“

Leverkusens Bundestagsabgeordneter, der Mediziner Karl Lauterbach (SPD), fordert in Bezug auf die Messungen von Lanuv und Greenpeace: „Es muss mit offenen Karten gespielt werden. Keine Andeutungen oder Unterstellungen. Das passt nicht in diese Situation. Greenpeace und Lanuv müssen präzise darstellen, wie was wo gemessen wurde, müssen Messdaten und Messmethodik offenlegen, die Ergebnisse vergleichen und aufklären, wo die Unterschiede herkommen.“ Über das Ergebnis  des Lanuv sei er erleichtert gewesen, „gleichzeitig besorgt, ob es denn sein kann, dass bei so viel organischem Material, was verbrannt ist, so wenig an Stoffen wie etwa Dixoinen, ausgetreten sein sollen“.  In Lauterbachs Büro hätten sich 50 bis 60 Leverkusener Bürger zu dem Thema gemeldet. „Manche haben berichtet, der Lack an ihrem Auto sei in Folge der Explosion verbrannt, andere erzählten von  toten Fischen im Gartenteich.“  Die meisten seien einfach sehr besorgt gewesen, dass doch mehr passiert sein könnte und fragten sich, wie es sein kann, dass solch eine Anlage mitten in der Stadt stehe. 

Karl Lauterbach beschreibt Leverkusen als „Hochrisiko-Stadt“. Zu den Gefahrenquellen, mit dem Bürger zurechtkommen müssten, zählt er die Autobahnen quer durch die Stadt mit Lärm und Feinstaub, die massive Belastung durch den Schiffsverkehr, der Lärm der Eisenbahnlinien, die Chemieindustrie samt Mülldeponie und Müllverbrennungsanlage bei. „Hier kommt einfach einiges zusammen, was Leverkusen zur Hochrisiko-Stadt gemacht hat.“

Inzwischen hätten sich rund 5000 Personen bei der Currenta-Hotline gemeldet, berichtet Unternehmenssprecher Laufer. Das Angebot, entstandene Verschmutzungen an Gärten, Häusern und Fahrzeugen von Currenta entfernen zu lassen, bestehe weiter. Anwohner sollten sich deswegen an die Hotline wenden. Sie ist unter 0214-260599333 geschaltet. Auch die Reinigung von Spielplätzen gehe weiter.